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Der Neurologe und Psychiater
12/2002
(als PDF)
"Parental Alienation
Syndrome" erhitzt die Gemüter
PAS - Stein der
Weisen oder Stein des Anstoßes?
Von Thomas Heim

Das Kind steht
im Mittelpunkt - und leidet
Ob Scheidungsrichter,
begutachtender Psychiater oder behandelnder Kinder
und Jugendlichenpsychotherapeut - auf vermintem Terrain
bewegt sich, wer mit der komplexen Dynamik einer durch
Scheidung bzw. Trennung zerbrechenden Familienstruktur
zu tun hat. So verwundert es nicht, dass auch in der
medizinischen und juristischen Fachwelt ein in hohem
Maße inhomogenes Meinungsbild herrscht, wenn
es auf diesem Gebiet um ein neues Störungskonzept
geht. Liest man die jüngsten Stellungnahmen der
Vertreter sowie der Gegner dieses Konzepts, erscheint
einem die an manchen Stellen hochschäumende Polemik
und das sich gegenseitige Absprechen wissenschaftlicher
bzw. juristischer Kompetenz wie ein Verhaltensspiegel
der vermeintlich vertretenen innerfamiliären
Streitparteien, gewürzt mit einer kräftigen
Prise fundamentaler politischer Einstellungen - auf
beiden Seiten?
Als Stein der Weisen
bzw. des Anstoßes wird das "Parental Alienation
Syndrome (PAS,Elterliches Entfremdungssyndrom)"
gehandelt, das der Kinderpsychiater Prof. Dr. Richard
A. Gardner, Columbia-Universität, USA, erstmals
im Jahr 1985 beschrieb. Kennzeichnend für das
PAS sei, so Gardner, dass ein Elternteil dem anderen
das gemeinsame Kind zu entfremden und den Kontakt
zu vereiteln versuche. Gardner nennt diesen Vorgang
"Gehirnwäsche" oder "Programmierung".
Die damit verbundene Zerstörung gewachsener
Bindungen führe zu einer erheblichen
Traumatisierung betroffener Kinder und entfremdeter
Eltern. Deswegen
müsse man das "programmierende" Verhalten
als psychischen Missbrauch erkennen
und unterbinden. Viel zu selten werde von den Gerichten
die notwendige Konsequenz eines Entzugs des Umgangs-
bzw. Sorgerechts gezogen, oder wenigstens deren oft
wirksamen Androhung. Damit würde ein unerträglicher
Zustand oft über viele Jahre hinweg zementiert,
der von den Opfern nicht selten wie eine Folter erlebt
würde.
PAS = psychische Folter?
Mit seinem - teils
bewussten, teils unbewussten - Verhalten, so Dr. Wilfrid
von Boch-Galhau, niedergelassener Facharzt für
Psychotherapeutische Medizin und Nervenarzt in Nürnberg,
verfolge der "Programmierer" das Ziel, die
Liebe des Kindes
zum anderen Elternteil zu zerstören.
Das Kind gerate dadurch in einen schweren Loyalitätskonflikt
und schlage sich aus Abhängigkeit auf die Seite
des Elternteils, mit dem es zusammenlebt und auf den
es angewiesen ist. Das Kind übernehme nach und
nach die meist erheblich realitätsverzerrenden
Negativdarstellungen und Abwertungen vom betreuenden
Elternteil und entwickle daraus machmal sogar eigene
Geschichten und Szenarien, die noch über die
Darstellung des manipulierenden Elternteils hinausschössen.
So würden häufig Dinge ausgesagt, die nachweislich
gar nicht stattgefunden hätten. Gardner schlägt
eine Reihe von Kriterien vor, anhand derer ein PAS
diagnostiziert und einem der Schweregrade zugeordnet
werden könne (Tabelle1).
Zu einer Fixierung von Eltern-Kind-Entfremdung
und Feindbildsyndrom beim Kind könnten,
so Gradner, äußere Faktoren beitragen,
wie beispielsweise die Verstärkung der Programmierung
durch Angehörige oder das Wegziehen in eine andere
Stadt oder ins Ausland.
Die oft lebenslangen Folgen eines PAS seien Entwicklungs-,
Bindungs und Beziehungsstörungen - Stigmata
der psychischen Deprivation. Dazu kämen häufig
psychosomatische Erkrankungen wie Essstörungen,
Asthmaanfälle oder Panikattacken. PAS sei, so
von Boch-Galau, als psychiatrisch relevante Störung
anzusehen und unterscheide sich essentiell von einer
einfachen Kontaktverweigerung des Kindes, für
das dieses seine genuinen Gründe haben könne.
Lautstarke Kritik
Von Kritikern des PAS-Konzepts
wird aber genau diese Einschätzung heftig in
Frage gestellt. Carol S. Bruch, Professorin an der
juristischen Fakultät der Universität von
Kalifornien, Davis, USA, bemängelt eine in den
letzten Jahren inflationäre Ausdehnung
des Labels "PAS", das noch nicht einmal
in den international anerkannten Klassifikationssystemen
wie DSM-IV oder ICD-10 zu finden sei, auf alle Fälle,
in denen ein Kind den Kontakt zum nichtbetreuenden
Elternteil verweigere.
Gardners Beschreibung des PAS könne, so Bruch,
sehr wohl an Emotionen erinnern, die in Trennungssituationen
nun einmal häufig aufträten. Dies erkläre
zwar, warum das PAS-Konzept von vielen Eltern, Therapeuten,
Juristen und Mediatoren so fraglos akzeptiert werde,
sei aber noch lange kein Beweis für die wissenschaftliche
Stringenz des Konstrukts PAS. Gardner kam in umfangreichen
Falldokumentationen zu der Einschätzung, 80 %
aller Kinder, die in Sorgerechtsverfahren involviert
sind, seien von Entfremdungsprozessen betroffen. Bruch
verwirft diese Befunde in Bausch und Bogen als "pseudowissenschaftlich"
und warnt vor einer Instrumentalisierung des
PAS-Konzepts für unterschiedlichste Interessen.
Gegenseitiger Vorwurf
der Instrumentalisierung
Auch politische und
ideologische Grabenkriege scheinen sich in der PAS-Diskussion
niederzuschlagen. Gardner weist darauf hin, dass der
Widerstand radikal feministischer Gruppierungen sich
aber mittlerweile allein durch die Tatsache ad absurdum
geführt habe, dass heute genau so viele Frauen
wie Männer von der Ausgrenzung durch den Ex-Partner
betroffen seien - früher waren überwiegend
Männer betroffen.
So konträr die Meinungen der verschiedenen Lager
sind, in einem Punkt scheinen sie sich einig zu sein:
Nur nach einer sehr sorgfältigen Differenzierung
in ausführlichen Einzelgesprächen, an denen
unbedingt alle Betroffenen, das heißt beide
Elternteile und alle Kinder, beteiligt werden müssen,
kann entschieden werden, von welchem Elternteil ein
eventueller - körperlicher, seelischer oder sexueller
- Missbrauch ausgeht. Welche Gesprächstechniken
dabei verwendet
werden, unter welchen diagnostischen Labels die Befunde
subsummiert werden und welche therapeutischen und
juristischen Konsequenzen daraus dann gezogen werden,
wird sicher weiterhin Gegenstand hitziger Diskussionen
sein und hoffentlich - so beteuern ebenfalls Vertreter
beider Lager - Basis wissenschaftlicher Studien hoher
methodischer Qualität, die die komplexe psychische
Dynamik eines zerbrochenen Zuhause in Zukunft verstehbarer
machen könnten. Eine wichtige Handreichung für
alle an scheidungsrelevanten - juristischen und therapeutischen
- Entscheidungsprozessen Beteiligten wären solche
Erkenntnisse allemal, schließlich geht es dabei
letztendlich immer nur um das Wohl des Kindes - oder?
Tabelle 1: Differenzialdiagnose
der 3 Ausprägungsformen des PAS
|
primäre
Symptomatik
|
Leicht
|
Mässig
|
Schwer
|
| Verunglimpfungskampagne |
minimal |
mäßig |
beträchtlich |
| schwache, leichtfertige
oder absurde Rationalisierungen der Verunglimpfungen |
minimal |
mäßig |
multiple absurde
Rationalisierungen |
| Ambivalenz |
normale |
keine |
keine |
| Phänomen
"eigenständiges Denken" |
i. d. R. nicht
vorhanden |
vorhanden |
vorhanden |
| reflexartige Unterstützung
des entfremdenden Elternteils in der elterlichen
Auseinandersetzung |
minimal |
vorhanden |
vorhanden |
| Schuldgefühle |
normal |
geringes bis keines |
keines |
| "entliehene
Szenarien" |
minimal |
vorhanden |
vorhanden |
| Ausweitung der
Feindseligkeit auf erweiterte Familie des entfremdeten
Elternteils |
minimal |
vorhanden |
beträchtlich,
oft fanatisch |
| Zusätzliche
differential-diagnostische Aspekte |
|
|
|
| Übergangsschwierigkeiten
während der Besuchszeiten |
i. d. R. nicht
vorhanden |
mäßig |
beträchtlich,
Besuch oft unmöglich |
| Verhalten während
der Besuchszeiten |
gut |
zeitweise antagonistisch
und provozierend |
keine Besuche,
oder destruktives und anhaltend provozierendes
Verhalten während der Besuche |
| Bindung zum entfremdenden
Elternteil |
stark, gesund |
stark, leicht
bis mäßig pathologisch |
schwer pathologisch,
oft paranoide Bindung |
| Bindung zum entfremdeten
Elternteil |
stark, gesund
oder leicht pathologisch |
stark, gesund
oder leicht pathologisch |
stark, gesund
oder leicht pathologisch |
Quelle:
Pressekonferenz am 19.10.02 im Rahmen
der Internationalen Konferenz "Das Parental Alienation
Syndrome (PAS) - Eine interdisziplinäre Herausforderung
für scheidungsbegleitende Berufe". Veranstalter:
Arbeitsgemeinschaft PAS, c/o Dr.med.Wilfrid von Boch-Galhau,Würzburg
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