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Mediation
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Der Amtsvormund Juli 1997, Spalten 557-562

Umgangsvermittlung mit Methoden der Mediation und mit modernen Kommunikationsstrategien (NLP)

Brigitte Spangenberg, Psychologin u. Psychotherapeutin, NLP-Lehrtrainerin

Emotionale Sicherheit in der Beziehung zu Mutter und Vater ist für eine positive Selbstwertentwicklung des Kindes entscheidend. Die Trennung von einem Elternteil kann dazu führen, daß Menschen sich dauerhaft gegenüber bindungsfördernden Emotionen wie Freude, Liebe und Nähe verschließen. Diese entwicklungspsychologischen Erkenntnisse sind nicht neu. In der Arbeit mit Eltern in Trennung und Scheidung werden sie häufig grundsätzlich in Frage gestellt, wenn es um den Umgang des Kindes mit dem Elternteil geht, mit dem das Kind nicht ständig zusammenlebt. Es wird schlichtweg geleugnet, daß der lebendige Kontakt zum abwesenden Elternteil ein Primärbedürfnis des Kindes und sein Menschenrecht ist.

Vor jedem Umgangsabbruch steht der Abbruch eines normalen Elterndialoges. Das ist für jeden, der mit Fällen des Umgangsabbruches und der Umgangsvereitelung beruflich betraut ist spätestens seit der Veröffentlichung von Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Klenner - über "die Rituale der Umgangsvereitelung bei getrenntlebenden oder geschiedenen Eltern" anschaulich. Erst als Folge dieser Tatsache zeigen jüngere Kinder vor und nach dem Umgang oft massive Verhaltensauffälligkeiten, entwickeln Ängste und verweigern schließlich häufig den Kontakt zu einem Elternteil. Kinder vor der Pubertät sind in einem solchen Maße körperlich und emotional von dem Elternteil bei dem sie leben abhängig, daß sie dessen Gefühle und damit dessen Sicht, Denk- und Handlungsweise übernehmen. Außerdem haben sie Ängste, diesen auch noch zu verlieren.

Wie kann der abgebrochene Elterndialog im Interesse des Kindes wieder begonnen werden? Ursache für den Abbruch sind mächtige Gefühle von Wut, Trauer, Verletztheit, Ohnmacht, Angst, Schuld, Scham bei Mutter und/oder Vater. Da Gefühle den Fokus menschlicher Wahrnehmung, menschlichen Denkens und Handelns bestimmen, wird ein konstruktiver Dialog zwischen Mutter und/oder Vater erst wieder möglich, wenn sich die Gefühle zum anderen Elternteil gewandelt haben. Dann sind die Eltern imstande, tragfähige Umgangsabsprachen zu treffen.

Eine Gefühlsveränderung läßt sich nicht per Gesetz befehlen, niemand kann einen anderen dazu überreden. Manchmal entsteht sie sozusagen "von alleine", wenn sich die Lebensverhältnisse von Mutter und Vater verändern, z.B: ein neuer Partner hinzukommt. Welche Möglichkeiten haben Fachkräfte, die Entwicklung der Gefühle zu initiieren?

Ich werde im Folgenden meine Vorgehensweise der Umgangsvermittlung zuerst schematisch und dann an einem Fall darstellen

Schritt 1 der Umgangsvermittlung: das Erfassen der Interessen und Bedürfnisse von Mutter, Vater und Kind.

- Bei jüngeren Kindern kläre ich in Einzelgesprächen mit Mutter und Vater deren Interessen und Bedürfnisse bezüglich einer Umgangsgestaltung. Die Bedürfnisse des Kindes eruiere ich durch Verhaltensbeobachtung des Kindes mit Mutter und Vater je einzeln, durch altersentsprechende Testung und im Gespräch.

- Bei Kindern ab dem Schulalter lasse ich die ganze Familie der Reihe nach stumme Bilder (Familienskulpturen nach Virginia Satir) aufstellen zu den Themen: "wie erlebe ich meine Familie heute?, wie wünsche ich mir meine Familie?". In dieser Arbeit werden die Interessen und Bedürfnisse jedes einzelnen ebenso sichtbar wie seine Bindungen, Beziehungen und seine Stellung innerhalb der Familie.

Schritt 2 der Umgangsvermittlung: das erste Elterngespräch

Durch Erklären wie auch durch sinnliche Erfahrung führe ich bei Mutter und Vater eine Trennung der Eltern- von der Paarebene herbei. Dann bitte ich sie, sich an zwei Situationen mit folgendem Inhalt zu erinnern:

erstens eine Situation bei der sie sich selbst als gute Mutter/ guter Vater erlebten, zweitens eine Situation, bei der sie den anderen Elternteil als gut zum Kind erinnern. Die positiven Erinnerungen werden von mir, ohne daß ich den Inhalt kenne, geankert. Danach werden die in Schritt eins erhobenen Befunde besprochen und die Bedürfnisse von Mutter und Vater bezüglich des Umgangs unter Beachtung der Bedürfnisse des Kindes auf einer Flip-Chart aufgelistet. Die Bedürfnisse der Eltern werden nochmals durch einen "Zielrahmen" geklärt, d.h. Mutter und Vater schreiben, zuerst für sich, auf, wie sie sich eine optimale Beziehung in der Triade Mutter-Vater-Kind nach der Trennung und/oder Scheidung vorstellen. Die Ergebnisse werden in einer Grafik auf der Flip-Chart sichtbar gemacht (s. unten Fallbeschreibung). Die Gemeinsamkeiten werden wiederum verankert. Danach schreiben die Eltern - zuerst für sich – die eigenen Verhaltensweisen und die des anderen Elternteiles auf, an denen sie erkennen werden. daß die Ziele erreicht sind. Diese "Zielkriterien" werden besprochen und auf der Flip-Chart festgehalten. Sie sind wichtig für das Gelingen von zukünftigem Umgang. Es wird ein Zeitrahmen für einen Probeumgang vereinbart.

Schritt 3 der Umgangsvermittlung: der Probeumgang mit Elternprotokollen

- bei jüngeren Kindern verabrede ich mit den Eltern in der Regel drei Umgangstermine, deren Konditionen von Fall zu Fall variieren. Die Rückübergabe des Kindes findet jeweils in meiner Praxis statt. Ich führe ein kurzes Gespräch mit dem Kind über das, was ihm beim Umgang gefallen hat und was es sich schöner wünscht. Die Eltern protokollieren das kindliche V erhalten und ihr eigenes nach folgendem Schema:

      • wie geschah die Vorbereitung des Kindes auf den Umgang ?
      • wie verhielt sich das Kind vor dem Umgang ?
      • wie fand die Übergabe statt ?
      • wie verhielt sich das Kind während des Umgangs ?
      • wie verlief der Umgang inhaltlich ?
      • wie verhielt sich das Kind nach dem Umgang ?
      • wie wurde der Umgang nachbesprochen ?
      • was lief aus ihrer Sicht gut ?
      • was wünschen sie sich, wie, verbessert ?

Nach drei Probeterminen findet ein Elterngespräch mit der Besprechung der Protokolle und evtl. Verbesserungen statt. Es werden drei neue Termine ohne meine Anwesenheit bei der Rückübergabe verabredet. Nach deren Ablauf und einem nochmaligen Elterngespräch über den Inhalt der Protokolle und Verbesserungen nehmen die Eltern die Umgangsregelung selbst in die Hand. Ich biete ihnen an, daß sie sich bei neu auftretenden Schwierigkeiten an mich wenden können.

- bei Kindern ab dem Schulalter sind die Kinder bei der Verabredung des Probeumgangs, der Abfassung der Protokolle und deren Besprechung dabei. Der Schwerpunkt der Gespräche liegt ebenfalls bei den Fragen "was lief gut beim Umgang, und was wollen wir, wie, verbessern ?".

Darstellung der Methodik an einem Fall

Frau A. und Herr B. sind die nicht verheirateten Eltern von C., einem Mädchen von 6 Jahren. Sie haben nur kurze Zeit zusammen gelebt. Bis zum Umzug der Mutter mit C. zu einem anderen Mann in eine entfernte Stadt hatte C. viel Kontakt zum Vater und zu dessen Familie. Der Umgang war nicht gerichtlich geregelt. Nach dem Umzug verbrachte C. zuerst alle 14 Tage ein Wochenende beim Vater und seiner Familie sowie einen Tag mit dem Vater am neuen Wohnort der Mutter. Dann verweigerte die Mutter den Umgang mit der Begründung, der Vater verunsichere C. C. reagiere auf Umgang psychosomatisch (Einnässen, Einkoten, nächtliches Weinen), sie müsse zur Ruhe kommen. Der Vater klagt auf Umgang. Zu Beginn der Begutachtung hat C. ihren Vater sechs Monate nicht mehr gesehen.

Schritt 1: Die Einzelgespräche mit den Eltern und die Befunderhebung mit C. ergeben folgende Bedürfnisse der Beteiligten. Die Mutter möchte in ihrer neuen Lebensform vom Vater respektiert werden. Der Vater will sein einziges Kind ins Leben begleiten, Wissen und Erfahrung weitergeben und darin einen Lebenssinn finden.

Die Tochter hat das Bedürfnis. ihre Liebesbindung an den Vater und ihre Bindung an den Großvater väterlicherseits zu leben, sowie ihren Heimatort wiederzusehen. Die Bedürfnisse des Kindes ergeben sich im Freispiel mit den Materialien des Sceno-Testes (Frauen, Männer, Kinder, Tiere, Pflanzen, Bauklötze, etc.):

C. spielt, sie besuche ganz alleine mit der Eisenbahn den Papa in K. (Heimatort). Der Papa verfolge den Zug mit seinem Auto. C. steige zum Papa um und fahre auf dessen Schoß weiter. Sie sagt: "die C. fährt nach K., die soll aber in M. (Wohnort der Mutter) sein".

In der Verhaltensbeobachtung mit dem Vater ist C. schüchtern aber ohne Angst.

Schritt 2: ihre optimalen Beziehungen untereinander nach der Trennung beschreiben die Eltern folgendermaßen:

Kind

Vertrauen Vertrauen
Liebe Liebe
Fürsorge Fürsorge
Mutter Respekt, Vertrauen Vater

Obwohl die Eltern die Werte Liebe und Respekt teilweise mit unterschiedlichen Inhalten füllen, sind beide von den gemeinsamen Zielen überrascht.

Die Mutter sagt, sie werde an Folgendem merken, daß der Vater sie respektiere und ihr vertraue: er würde weder schriftlich noch mündlich ihre Person oder Lebensweise herabsetzen, weder er noch seine Familie sprächen gegenüber C. schlecht von der Mutter. Er würde nicht mehr kontrollieren. wie sie C.. versorge (Ernährung, Gesundheit). Der Vater äußert, er werde Respekt und Vertrauen der Mutter ihm gegenüber daran merken, daß sie ihre Nachforschungen über seine Berufstätigkeit und sein Einkommen einstelle. Er erbittet von der Mutter eine Auflistung aller Äußerungen, durch die er sie gekränkt habe, um Vergleichba- res in Zukunft sicher vermeiden zu können.

Es wird ein Probeumgang von drei Terminen verabredet. Der weitere Verlauf der Umgangsvermittlung entsprach dem oben Beschriebenen. Die Eltern benötigten vier weitere Termine, in denen sie die Umgangskonditionen so lange veränderten, bis sich jeder vom anderen respektvoll behandelt fühlte. Jetzt brauchen sie noch Zeit, um Vertrauen stabil aufzubauen.

Wie und bei welchen Schritten der Umgangsvermittlung finden die entscheidenden Veränderungen der Gefühle bei Mutter und Vater statt?

Im Elterngespräch (Schritt 2) entsteht durch die Reaktivierung "vergessener" unterdrückter, positiver Erinnerungen (Ressourcen des Paares) zuerst eine Gefühlsambivalenz. Dabei weckt die Erfahrung, daß der jeweils andere Elternteil positive Erinnerungen hat, gute Gefühle, die sich nach dem Gesetz "gute Gefühle wecken gute Erinnerungen" (und schlechte schlechte) verselbständigen. Durch den Fokus auf die Bedürfnisse des Kindes und die Einsicht in die auf Tests und Verhaltensbeobachtungen gestützten psychologischen Befunde entsteht ein Verantwortungsgefühl für die Zukunft des gemeinsamen Kindes. Die meisten Eltern sind von den nonverbalen Äußerungen ihres Kindes betroffen. Durch Gewahrwerden von Übereinstimmungen in den angestrebten Zielen einer Trennungs/Scheidungsfamilie u.a. auf der Werteebene entsteht ein neues Gefühl der Gemeinsamkeit. Die Beschäftigung mit gelungenen Schritten erweckt Hoffnungen. Der Fokus auf Verbesserungswertes gibt Handlungsspielraum. Aus konstruktiver Zusammenarbeit wächst wieder Vertrauen.

Der geschilderte Verlauf einer Umgangsvermittlung entspricht der Regel in meiner Praxis. Aus zwei Gründen breche ich die Umgangsvermittlung nach dem Elterngespräch (Schritt 2) ab.

Erstens, wenn es sich erwiesen hat, daß die Eltern noch zu keinem Dialog fähig sind, was beispielsweise dann der Fall sein kann, wenn die Verletzungen anhalten. Zweitens, wenn ein Kind aus Erleben am eigenen Körper noch untherapierte Ängste gegenüber dem Elternteil zeigt, bei dem es nicht lebt. Der Umgang sollte dann erst nach erfolgreich beendeter Kindertherapie, in die der Angst verursachende Elternteil einzubeziehen ist, erfolgen. Wenn ein Elternteil die Mitarbeit verweigert bzw. das bei ihm lebende Kind nicht zum Termin mitbringen möchte, dringe ich dennoch - meist erfolgreich - auf Schritt 1 und Schritt 2, denn nur so kann ich feststellen. ob das "Nein" zum Umgang berechtigt ist und ggf. helfen, das Kind vor Schaden zu bewahren.

Literatur

Prof. Dr. Wolfgang Klenner, "Rituale der Umgangsvereitelung bei getrenntlebenden oder geschiedenen Eltern", FamRZ, Heft 24

Eckard Winderl, Hinter die Erinnerung schauen, Junfermann

Cameron-Bandler, Intelligenz der Gefühle, Junfermann

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