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Basler Zeitung,
19.11.99
TILMANN MOSER *
Vaterlosigkeit, Vaterverlust,
Vaterabwesenheit
Zu Horst Petris
Buch über "Das Drama der Vaterentbehrung"
In einem anrührenden
persönlichen Nachwort zu seinem neuen Buch schreibt
der Berliner Kinderpsychiater und Psychoanalytiker
Horst Petri über einen jahrzehntelang währenden
blinden Fleck in seiner eigenen Biographie: sein Vater
war, von kurzen Urlauben abgesehen, sechs Jahre abwesend
durch Krieg. In wichtigen Büchern über die
"vaterlose Gesellschaft" fand Petri die
seelischen Auswirkungen von Millionen Kriegstoten
im Ersten und Zweiten Weltkrieg kaum erwähnt.
Erst in den früh einsetzenden Forschungen über
die Auswirkungen der Judenverfolgung wurden die schrecklichen
Dimensionen des Themas allmählich bewusst.
Insofern könnte man die Folgen der Vaterentbehrung,
die Petri auch als ein gesellschaftliches Drama versteht,
für ein deutsches Problem halten. Aber das ist
nicht so: Er untersucht auch die Folgen von Abwesenheit
und Trennung durch das Zerbrechen von Familien, durch
Scheidung und "Desertion" der Väter.
Sigmund Freud und Erich Fromm zentrierten ihre Forschungen
mehr auf innerseelische Vorgänge, bei denen das
Kind als der Feind des Vaters erschien, und nicht
auf die Auswirkungen realer Traumata. Eher wurde Ödipus
als der Schuldige angesehen als seine Eltern, die
ihn schwer verletzten und zur möglichen Vernichtung
aussetzten.
Was heisst nun Vaterlosigkeit? Sie bedeutet, dass
ein Kind seinen Vater nie bewusst kennengelernt hat.
Aber ob und wie sehr es darunter leidet, hängt
von der Weitergabe des Vaterbildes durch die Mutter
ab. Zwischen Idealisierung und Entwertung sind viele
Lösungen möglich. Und Vaterverlust? Petri
untergliedert ihn nach den wichtigsten Etappen im
Leben des Kindes, in denen der Verlust eintritt. In
vielen Fällen ist das Trauma so gross, dass es
verdrängt werden muss. Der Therapeut hilft dann
dem geschwächten Ich erst, die Trauer zu ertragen,
die von dem Patienten als vernichtend gefürchtet
wird. Petris Beispiele zu den verschiedensten Konstellationen
sind ergreifend, auch seine Analyse von Künstlern,
die es teilweise vermocht haben, für ihre Vaterlosigkeit
durch ihre Kreativität eine - wenn auch von Schmerzen
durchzogene - Bewältigung zu finden. Und schliesslich
Vaterabwesenheit? Bei ihr bleibt die Beziehung zum
Vater, wenn auch fragil, erhalten. Die Hoffnung auf
Rückkehr oder wenigstens Besuche mag realistisch
sein, sie kann aber auch illusionär werden und
wiederum zu Entwertung oder fast mythischer Überhöhung
führen.
Die alleinerziehenden Mütter, denen Petri ein
einfühlsames Kapitel widmet, stehen in jedem
Fall vor schwierigen Aufgaben. Die häufigsten
Formen des Misslingens bringen die Anklammerung an
die Kinder mit sich, die Ersatzpartnerschaft mit den
Kindern, aber auch Verhärtung und Verbitterung.
Was helfen kann, sind Verwandte, Freunde, Geschwister,
und die von Petri hoch eingeschätzten "Ersatzväter",
also bedeutsame Erwachsene, die zu Vorbildern werden,
oder die auch taugen zur Anlehnung, zu "Inseln
der Geborgenheit".
Ohne das Wunder, dass Kinder sich aus eigener Kraft
Hilfe suchen oder ihre verstörte Psyche regenerieren
können, wäre das weit verbreitete Elend
noch viel massiver. Petris Buch zeichnet sich nicht
nur durch seine tiefenpsychologische Fundierung, sondern
durch seine soziologische Orientierung aus, die die
Veränderungen im öffentlichen Klima und
im Gesetz mitberücksichtigt: gemeinsame Elternschaft
auch bei Trennung und Scheidung. Er erwähnt die
vielen Hilfen, die heute verfügbar sind, und
er ist sich der Folgen von NS-Zeit und Krieg voll
bewusst. Einziger Mangel könnte sein, dass die
psychischen Folgen des Soldatseins der deutschen Väter,
auch ihre Verstrickung in Verbrechen oder Mitläuferschaft,
undiskutiert bleiben. Denn viele Väter zwangen
ihre harten Maximen noch nach langen Jahren ihren
Kindern auf. Diese Väter waren präsent,
aber ohne einfühlsame Seele, gleichzeitig prügelnd
und autoritär anwesend, und quasi verschollen
auf der Ebene der partnerschaftlicher Nähe. Aber
mindert nicht den Wert des Buches und seine spannende
Lesbarkeit.
* Tilmann Moser lebt
als Psychotherapeut und Publizist in Freiburg i. Br.
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