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Süddeutsche
Zeitung 18.12.99
ASTRID VON FRIESEN
Nicht alles über
unsere Mütter
Der Psychoanalytiker
Horst Petri fordert Schluss mit dem Drama der Vaterentbehrung
Die Frauenbewegung
hat mit der Abwesenheit der Väter Schluss gemacht.
Dann aber hat sie die Väter selbst verunglimpft,
zur Verfügungsmasse (Samen- und Geldabgabe) reduziert
und einer ganzen Frauen- und Männergeneration
die Idee der Vaterunzulänglichkeit eingeimpft
- und eine massenhafte Vaterlosigkeit herbeigeführt:
80 Prozent der Scheidungen werden von Frauen eingereicht!
1,8 Tote kostete der Erste Weltkrieg und der Zweite
5,25 Millionen, Soldaten im "besten Mannesalter",
die Millionen von vaterlosen Kindern hinterließen
. . . Nun ist eine dritte Generation von Vaterentbehrung
gekennzeichnet.
Es ist eine Tatsache, "dass es eine vaterlose
Nachkriegsgeneration war, die der traditionellen Familie
ideologisch und faktisch den "Krieg erklärte"
und damit wiederum eine Kindergeneration gezeugt hat,
von der große Teile ihre Väter durch den
Krieg der Geschlechter verloren haben. Diese vaterverlassenen
Kinder von Vätern ohne Vater stellen die heutige
junge Vatergeneration (und Müttergeneration!)
dar. Und sind Produkte einer kollektiven Abwertung
des väterlichen Prinzips.
Horst Petri, ein einfühlsamer und erfahrungsreicher
Psychoanalytiker, konstatiert ganz sachlich: Ein Vaterverlust
(durch Tod, künstliche Zeugung und so weiter)
und eine Vaterentbehrung bedeuten immer ein Trauma.
Die Folgen lassen sich massenhaft erkennen in der
Traumaverarbeitung bei beiden Geschlechtern - bezogen
auf den Umgang mit dem Partner und den Kindern: psychische
Ertaubung, Gefühlskälte, Abstumpfung, eingefrorene
Trauer und Bindungsverlust. Eine kollektive Form der
Abwehr (nämlich die Verkehrung des Verdrängten
und Vermissten in eine Ideologie der Ausgrenzung)
betrieb die Frauenbewegung, die die Vaterlosigkeit
einfach als Ideal deklarierte und die Mutter als alleinseligmachende
Erziehungsinstanz verklärte.
Doch was passiert, wenn eine Frau ihr Kind allein
großzieht? Diese Mütter, die freiwillig
oder unfreiwillig auf die Unterstützung eines
Mannes verzichten, müssen ständig aufs neue
die Verletzungen, Trauer und Wut der Kinder ob der
Vaterentbehrung aushalten und sich mit dem eigenen
Scheitern, der eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht
auseinandersetzen - was nicht selten in Ängste,
Depressionen und Verzweiflung umschlägt. Es kann
zu einer Gefühlsabwehr und Gleichgültigkeit
gegenüber dem Kind kommen. Der Selbst- und Männerhass
wird auf das Kind projiziert, auch wird es von den
eigenen psychischen Problemen überflutet und
als Bündnispartner missbraucht. Mädchen
erfahren eine zu starke Mutterfixierung, die ihnen
später eine heterosexuelle Beziehung erschweren
wird, und Jungen werden als Partnerersatz missbraucht,
was ab der Pubertät zu starken Hassgefühlen
gegenüber der Mutter führt. Auch werden
Jungen mit dem "bösen Männlichen"
identifiziert oder als Sündenböcke für
das eigene Scheitern verantwortlich gemacht oder zum
Lebensersatz gebraucht - als narzisstische Verlängerung
des eigenen leeren Selbst.
Aufgrund dieser höchst problematischen Mutter-Kind-Konstellation
reagieren, das ist seit langem bekannt, vaterverlassene
Jungen mit Donjuanismus - der Abwehr von bodenloser
Einsamkeit durch immer neue, flüchtige Liebesabenteuer.
Vaterverlassene Frauen neigen eher zu psychosomatischen
Erkrankungen (Essstörungen, Magen-Darm-Erkrankungen,
Krebs) sowie zu heftigen, sich nur schwer auflösenden
Hassgefühlen der eigenen Mutter gegenüber.
Bei beiden Geschlechtern kommt es zudem zur Blockierung
der psychosexuellen Entwicklung, der Intelligenz sowie
der Entwicklung von Gewissen und Moral.
Aus Amerika, wo der Zustand von Vaterentbehrung viel
krasser als bei uns mit bitterer Armut verknüpft
ist, kommen folgende Horrorzahlen: 63 Prozent der
jugendlichen Selbstmörder, 71 Prozent der schwangeren
Teenager, 90 Prozent der Ausreißer, 85 Prozent
der Jungkriminellen und 75 Prozent der Drogenabhängigen
kommen aus vaterlosen Familien - das zeigt, dass die
Alleinerziehung von Kindern gescheitert ist. Wobei,
das betont der Psychoanalytiker Horst Petri immer
wieder, das Trauma der Vaterentbehrung natürlich
gemildert werden kann durch kluge Mütter, durch
liebevolle Stiefväter und männliche Ersatzväter.
Doch die Wunde dieser zutiefsten Kränkung bleibt,
solange sie nicht therapeutisch bearbeitet wird -
oder kreativ, wie viele "vaterlose" Wissenschaftler,
Schriftsteller und Künstler uns zeigen.
Horst Petri belegt die Vaterentbehrung mit vielen
Fallbeispielen. Er fordert, dass die kollektive Vaterentbehrung
nicht weiter ins Unbewusste abgedrängt wird,
sondern als Katastrophe für jeden Einzelnen und
für den Frieden, aber auch für den Wohlstand
in unserer Gesellschaft erkenntlich gemacht wird:
Erinnern, wiederholen, durcharbeiten! Das war Freuds
Forderung zur Aufdeckung psychischer Traumen. Außerdem
möchte Petri, nach der jahrtausendelangen Unterdrückung
der Frauen und dem Ausschlagen des Pendels in Richtung
Männerabwehr, zu einer "Geschlechterdemokratie"
kommen. In der, als erstes, beide Partner ihre jeweilige
Ohnmacht anerkennen. Die Ohnmachtsgefühle der
Mütter, die zwischen Kind, Arbeit und Haushalt
die Selbstzweifel als Demütigung erfährt.
Und die Ohnmacht des Vaters, der sich "gesellschaftlich
einem anonymen Machtapparat männlich geprägter
Herrschaftsansprüche ausgeliefert fühlt,
gegen die jeder Widerstand zwecklos ist, so teilchenhaft,
wie er sich erlebt . . . nicht nur wegen seiner gesellschaftlichen
Entfremdung, sondern im gleichen Maße aus dem
Verlust an Autorität, Kompetenz und Zuständigkeit
in der Familie bezüglich seiner ursprünglichen
Funktionen als Beschützer und Ernährer."
Deshalb die Forderung, dass die Frauen einen Teil
ihrer (auch höchst neurotischen) Macht über
die Kinder abgeben und die Männer einen Teil
ihrer gesellschaftlichen Macht. Dass sie beide ihre
Verschiedenheit respektieren und solidarisch die Herrschaftsstrukturen
abzubauen suchen. Zu Gunsten der nächsten Generation
und ihrer eigenen Kinder, die Lebensnotwendigerweise
Väter und Mütter brauchen!
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