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Auszug aus dem Buch
"Das Drama der Vaterentbehrung"
Von Prof. Dr. med. Horst Petri, Psychoanalytiker
Erschienen Verlag Herder 1999
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Zwischen Unterwerfung und Rebellion - Vaterverlust in der ersten ödipalen Phase

Herr K., ein 34jähriger Bauingenieur, litt unter einer depressiv-zwanghaften Symptomatik mit allgemeiner Gehemmtheit und Ängstlichkeit, Überangepasstheit, Konfliktscheu, Durchsetzungsschwierigkeiten im Beruf und Beziehungsproblemen in Partnerschaften. Er erlebte sich selbst als schwerfällig, starr und zähflüssig und empfand das Leben durch seine zwanghafte Arbeitsmoral nur als Anstrengung. Wegen einer tiefen Angst vor Ablehnung und Trennungsverlust hatte er in seinen vielen Frauenbeziehungen wirkliche Nähe und Hingabe noch nie zugelassen. Er wechselte zwischen Dreiecks- und Doppelbeziehungen, einige Frauen waren wesentlich älter als er, andere stammten aus exotischen Ländern. Eigentlich war er immer auf der Flucht. Herr K. entstammte einer Bauernfamilie, in die die Mutter "aus höherem Haus" nach dem Abitur eingeheiratet hatte. Er war der jüngste und einzige Sohn von drei Geschwistern. Als er fünf Jahre alt war, starb der Vater plötzlich bei der Feldarbeit an einem Herzinfarkt. Bis auf das Bild eines hart arbeitenden, strengen Mannes hatte er kaum Erinnerungen an ihn. Nach seinem Tod lebte die Familie immer am Rande der Armut. Etwas wehmütig berichtete Herr K. im Vorgespräch über seine entbehrungsreiche Kindheit. Als Sohn musste er zu allen Jahreszeiten schwerste körperliche Arbeit verrichten. Da er ein guter Schüler war, durfte er das Gymnasium besuchen und, dem mütterlichen Ehrgeiz entsprechend, danach studieren. Die älteren Schwestern waren bereits aus dem Haus und die durch ihr Schicksal zunehmend verbitterte Mutter fristete mit dreißig Katzen ihr asketisches Dasein auf dem Hof weiter. Als sich Herr K. bei mir vorstellte, war er gerade zum Abteilungsleiter in einem größeren Ingenieurbüro aufgestiegen.
Bereits in der ersten Behandlungsstunde berichtete Herr K. einen Traum aus der Vornacht. Solche Träume am Beginn einer Analyse werden als "Initialträume" bezeichnet, die sowohl Rückschlüsse auf zentrale innere Konflikte aus der Vergangenheit zulassen, als auch die Richtung andeuten, die ihre Lösung im Laufe der Therapie nehmen wird. Der Traum lautete: "Ich musste eine Prüfung machen. Sie fand bei Ihnen statt. Für mich bestand das Problem, dass es um Gefühle ging, die man schwer prüfen kann. Ich hatte große Angst, zu versagen. Dann sah ich plötzlich, dass Sie hinter dem Rücken ein Holzkreuz trugen, an das Sie gefesselt waren. Ich hatte erwartet, dass Sie daran leiden, aber Sie waren guter Stimmung. Ich wunderte mich, dass Sie damit so gut zurechtkommen."
Die für Analysen ungewöhnliche Tatsache, dass ich bereits im Initialtraum auftauchte, wies darauf hin, dass die Auseinandersetzung um den Vater eine zentrale Rolle spielen würde. Es handelte sich um einen klassischen Übertragungstraum, bei dem Bilder und Erfahrungen mit nahestehenden Menschen in der Kindheit auf eine Person der Gegenwart "übertragen" werden. Prüfungen und die Angst, an ihnen zu scheitern, sind uns nicht nur aus Träumen, sondern aus Mythen, Märchen und Dichtungen in ihrer archetypischen Bedeutung bekannt. Sie symbolisieren Reifungsschritte, die bei jeder neuen Lebensstufe bestanden werden müssen. Prüfungen sind gesellschaftlich institutionalisierte Rituale. Erst wenn man ihre Anforderungen erfüllt, wird man als verantwortliches und kompetentes Mitglied in die Gemeinschaft aufgenommen, erst dann ist man "erwachsen".
Würde Herr K. mit Hilfe der Analyse diesen Schritt schaffen? Würde ich als Vatervertreter und Hüter der gesellschaftlichen Erwartungen seine Gefühlswelt zu dieser Reife bringen, so abgespalten wie sie bisher unter einer starren Maske verborgen lag? Im ersten Traumteil steht die Unterwerfungsgeste des Sohnes gegenüber dem prüfenden Vater im Vordergrund, aber bereits der zweite zeigt die darunterliegende Auflehnung. Der unbewusste Wunsch phantasiert sich einen ans Kreuz gefesselten Vater. Er wird seiner patriarchalen Macht beraubt und ist in dieser Lage unfähig, den Sohn für sein Versagen zu bestrafen. Diese Kampfansage ist für den Patienten noch zu gefährlich. Er erwartet zwar, dass der Vater "leidet", aber die Traumzensur kehrt den verpönten Impuls in sein Gegenteil: der Vater ist "guter Stimmung" und scheint mit der Aggression des Sohnes "gut zurechtzukommen".
Herrn K. fiel zu dem Traum "nichts ein". Zu fern und gefährlich war ihm am Beginn der Analyse noch die Auseinandersetzung mit dem Vaterthema und seine Wiederholung in der Übertragung zu mir. Ich fasse auch hier wieder die wichtigsten Inhalte und Entwicklungsstufen der Therapie zusammen. Wie zu erwarten, bildete in ihrem Verlauf der unbewältigte Ödipuskomplex das Zentrum. Zu Beginn der Behandlung stand Herr K. noch ganz unter dem mächtigen Schatten des Vaters. In manchen Verhaltensweisen schien er wie der Fünfjährige zu sein, dessen Weiterentwicklung durch den plötzlichen Tod des Vaters wie abgeschnitten wirkte. So wie damals unterwarf er sich auch heute noch jeder männlichen Autorität und ersehnte sich von ihr wohlwollende Nähe und Unterstützung. Seine Vorgesetzten schätzten ihn wegen dieser Eigenschaften, zumal er in seiner Arbeit ungewöhnlich fleißig und gewissenhaft war. Sein Wunsch, von der Vaterautorität geliebt zu werden, drückte sich auch in der Übertragung zu mir in vielen Träumen aus, von denen ich zwei zitiere:
"Ich lag hier auf der Couch und rückte immer höher. Sie fragten: ,Merken Sie, dass Sie immer näher rücken? Ich hatte es schon wahrgenommen, aber das verunsicherte mich. Sie sagten, das sei doch viel familiärer. Dann standen Sie auf, legten mir eine Hand auf die Schulter. Sie waren sehr ergriffen und bewegt, sagten, es sei sehr gut, dass ich das zulassen könnte."
"Ich war hier. Nach der Stunde haben Sie gesagt, demnächst könnten wir auch mal ein Glas Bier zusammen trinken gehen. Danach gehen wir zusammen aus dem Haus. Sie sagen, Sie können mich noch ein Stück in Ihrem Auto mitnehmen. Wir steigen zusammen ein, und Sie fahren los."
Beide Träume drücken die Sehnsucht des Patienten nach körperlicher Nähe und familiärer Zugehörigkeit unverhüllt aus. In der psychoanalytischen Symbolsprache stellt das Auto Aspekte des Selbst dar. Im Auto des Analytikers mitzufahren, lässt sich als Wunsch deuten, an dessen Selbst zu partizipieren und zu reifen.
Die beschriebene Gesamtproblematik von Herrn K. zeigt, wie hoch der Preis ist, den er für seine Unterwerfungsbereitschaft unter die Vaterautorität zu zahlen hat. Aus fachlicher Sicht handelt es sich hierbei um das Stadium des "negativen Ödipuskomplexes", der entwicklungspsychologisch dem "positiven" vorangeht, bis der Gesamtkomplex im Laufe der weiteren Reifung ganz aufgelöst wird. Der "negative Ödipuskomplex" ist hauptsächlich durch drei Merkmale gekennzeichnet. Erstens durch die beschriebene Unterwerfungshaltung, die zeitweilig feminine und homosexuelle Züge annehmen kann. Das zweite Merkmal ist durch ein stark ausgeprägtes Über-Ich gekennzeichnet, das durch die Verinnerlichung väterlicher Ge- und Verbote entsteht. Die Moral des Patienten, sein Verantwortungsgefühl, sein Pflichtbewusstsein und die drückende Last seines Schuldgefühls zeigten ein tyrannisches Über-Ich am Werk, das primär dem Einfluss seines Vaters entstammte. Dass es diese Macht aber erhalten hatte, hing mit dessen unerwarteten Tod zusammen. Durch ihn wurde dem Sohn die Möglichkeit entzogen, im Rahmen der notwendigen Rivalität mit dem Vater sein eigenes Normensystem zu entwickeln und dadurch den Zugriff des Über-Ich zu lockern und im Sinne eines eigenen Selbstbildes zu modifizieren. Seine Gefühlsstarre und Unlebendigkeit wurden im Laufe der Therapie immer deutlicher als Niederschläge seines rigorosen Gewissens erkennbar.
Das dritte Merkmal liegt in der Unfähigkeit zu tieferen heterosexuellen Gefühlsbindungen. Zum Zeitpunkt als der Vater starb war Herr K. emotional noch stark auf die Mutter bezogen, durfte aber seine Gefühle wegen des bestehenden Inzesttabus wenig zum Ausdruck bringen. Im Gegenteil wehrte er sie ab, woraus eine heftige Gefühlsambivalenz zur Mutter resultierte, die bis zum Beginn der Therapie fortbestand. Erst durch seine normale Verarbeitung des Ödipuskonfliktes hätte er die libidinöse Bindung an die Mutter aufgeben und auf außerfamiliäre Beziehungen übertragen können. So aber blieb er in der Ambivalenz stecken, die in ihrer distanzierenden und destruktiven Form alle späteren Liebesbeziehungen einfärbte und scheitern ließ.
Erst nach der Bearbeitung des "negativen Ödipuskomplexes" durch die Therapie kam es zu einer dramatischen Wende. Vorboten hierzu bildeten wieder Träume, in denen nervenzerfetzende Wettrennen, wilde Verfolgungen und brutale Kämpfe mit anderen Männern, die nicht selten tödlich endeten, so manchen Actionthriller mit ihrer Bildgewalt in den Schatten stellten. Sie gipfelten in einem Traum, von dem Herr K. nur noch eine Szene erinnerte: "Ich erschlug Adolf Hitler." Damit hatte er, zunächst im Traum, wie Ödipus den Vater-Tyrannen endgültig beseitigt. Auch in der Realität vollzog sich mit Herrn K. ein Wandel, mit dem niemand in seiner Umwelt gerechnet hatte. Aus dem höflichen und angepassten Abteilungsleiter wurde ein aufrührerischer Rebell, der sich mit allen anlegte, die ihm in die Quere kamen, Vorgesetzte, Gruppenleiter, gleichgestellte Kollegen, Untergebene und - sein Analytiker. Bei aller Kraft, die es kostet, sich den heftigen Aggressionen und Entwertungen von Patienten auszusetzen, freut sich zunächst nur der Therapeut über den "positiven Ödipuskomplex", weil er darin ein Zeichen der Heilung entdeckt. Die Konflikte mit dem sozialen Umfeld lassen nicht lange auf sich warten. Deswegen schreckte Herr K. zuerst vor soviel neu gewonnener Courage zurück, sie machte ihm Angst, aber er konnte nicht anders. Die verdrängte Energie ließ sich nicht länger zügeln. Er fühlte sich allerdings durch die Zuversicht des Therapeuten gehalten, der ihn auf seinem Weg begleitete.
Die Besetzung des Ich des Patienten mit aggressiver Energie war notwendig, um eigene Interessen besser wahrnehmen und selbstbewusster durchsetzen zu können und zur Befreiung aus der Über-Ich-Tyrannei. Am Ende der Therapie hatte Herr K. gelernt, die aus der Verdrängung gelösten, zunächst überschießenden Kräfte selbst zu bändigen und in kontrolliertes soziales Handeln einzubinden. Mit der wachsenden Lebendigkeit wurden auch die eingefrorenen Gefühle nach dem Trauma des Vaterverlustes in eine erlebbare Trauer verwandelt. In ihrem Verlauf tauchten langsam wieder Erinnerungen an einen positiven Vater auf, an die Fähigkeiten, die er seinem Sohn bei allen Arbeiten auf dem Bauernhof beigebracht hatte, an seine Fürsorglichkeit und Verlässlichkeit, die dem Patienten schließlich halfen, sich mit seinem Vaterschicksal zu versöhnen.
Erst nach der Durcharbeitung des ödipalen Dramas war Herr K. in der Lage, Gefühle von Hingabe und Zusammengehörigkeit zu einer Frau zuzulassen, mit der er im letzten Jahr der Analyse zusammenlebte. Ein halbes Jahr nach Therapieende schickte er mir eine Heiratsanzeige und ein Jahr später das Foto eines pausbäckigen Babys. Er hatte seine Identität als Mann gefunden.
Die Schilderung der Behandlung von Herrn K. konnte sicher zeigen, daß der Vaterverlust in der ersten ödipalen Phase zu einer tragischen Stagnation der nachfolgenden Reifungsschritte führen kann. Die Defizite sind aber im Rahmen einer Therapie oftmals deswegen relativ leicht auszugleichen, weil die Anwesenheit des Vaters bis etwa zum fünften Lebensjahr wichtige Grundsteine für die psychische Struktur des Kindes wie die Ausbildung einer Gewissensinstanz, soziale Kompetenzen und kognitive Fähigkeiten gelegt hat, die im Sinne des Realitätsprinzips günstige Vorbedingungen zur Nachreifung und Bewältigung späterer Lebensaufgaben stellen.
Es sind die inneren Bilder von einem Vater, die Orientierung bieten und den jungen Mann auf seinem Weg ins Leben begleiten. Voraussetzung dafür sind ausreichend "gute" Vateranteile, die das Kind noch zu Lebzeiten des Vaters verinnerlichen konnte.

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