Zwischen
Unterwerfung und Rebellion -
Vaterverlust in der ersten ödipalen Phase
Herr
K., ein 34jähriger Bauingenieur, litt unter einer depressiv-zwanghaften Symptomatik
mit allgemeiner Gehemmtheit und Ängstlichkeit, Überangepasstheit, Konfliktscheu,
Durchsetzungsschwierigkeiten im Beruf und Beziehungsproblemen in Partnerschaften.
Er erlebte sich selbst als schwerfällig, starr und zähflüssig und
empfand das Leben durch seine zwanghafte Arbeitsmoral nur als Anstrengung. Wegen
einer tiefen Angst vor Ablehnung und Trennungsverlust hatte er in seinen vielen
Frauenbeziehungen wirkliche Nähe und Hingabe noch nie zugelassen. Er wechselte
zwischen Dreiecks- und Doppelbeziehungen, einige Frauen waren wesentlich älter
als er, andere stammten aus exotischen Ländern. Eigentlich war er immer auf
der Flucht. Herr K. entstammte einer Bauernfamilie, in die die Mutter "aus
höherem Haus" nach dem Abitur eingeheiratet hatte. Er war der jüngste
und einzige Sohn von drei Geschwistern. Als er fünf Jahre alt war, starb
der Vater plötzlich bei der Feldarbeit an einem Herzinfarkt. Bis auf das
Bild eines hart arbeitenden, strengen Mannes hatte er kaum Erinnerungen an ihn.
Nach seinem Tod lebte die Familie immer am Rande der Armut. Etwas wehmütig
berichtete Herr K. im Vorgespräch über seine entbehrungsreiche Kindheit.
Als Sohn musste er zu allen Jahreszeiten schwerste körperliche Arbeit verrichten.
Da er ein guter Schüler war, durfte er das Gymnasium besuchen und, dem mütterlichen
Ehrgeiz entsprechend, danach studieren. Die älteren Schwestern waren bereits
aus dem Haus und die durch ihr Schicksal zunehmend verbitterte Mutter fristete
mit dreißig Katzen ihr asketisches Dasein auf dem Hof weiter. Als sich Herr
K. bei mir vorstellte, war er gerade zum Abteilungsleiter in einem größeren
Ingenieurbüro aufgestiegen. Bereits in der ersten Behandlungsstunde berichtete
Herr K. einen Traum aus der Vornacht. Solche Träume am Beginn einer Analyse
werden als "Initialträume" bezeichnet, die sowohl Rückschlüsse
auf zentrale innere Konflikte aus der Vergangenheit zulassen, als auch die Richtung
andeuten, die ihre Lösung im Laufe der Therapie nehmen wird. Der Traum lautete:
"Ich musste eine Prüfung machen. Sie fand bei Ihnen statt. Für
mich bestand das Problem, dass es um Gefühle ging, die man schwer prüfen
kann. Ich hatte große Angst, zu versagen. Dann sah ich plötzlich, dass
Sie hinter dem Rücken ein Holzkreuz trugen, an das Sie gefesselt waren. Ich
hatte erwartet, dass Sie daran leiden, aber Sie waren guter Stimmung. Ich wunderte
mich, dass Sie damit so gut zurechtkommen." Die für Analysen ungewöhnliche
Tatsache, dass ich bereits im Initialtraum auftauchte, wies darauf hin, dass die
Auseinandersetzung um den Vater eine zentrale Rolle spielen würde. Es handelte
sich um einen klassischen Übertragungstraum, bei dem Bilder und Erfahrungen
mit nahestehenden Menschen in der Kindheit auf eine Person der Gegenwart "übertragen"
werden. Prüfungen und die Angst, an ihnen zu scheitern, sind uns nicht nur
aus Träumen, sondern aus Mythen, Märchen und Dichtungen in ihrer archetypischen
Bedeutung bekannt. Sie symbolisieren Reifungsschritte, die bei jeder neuen Lebensstufe
bestanden werden müssen. Prüfungen sind gesellschaftlich institutionalisierte
Rituale. Erst wenn man ihre Anforderungen erfüllt, wird man als verantwortliches
und kompetentes Mitglied in die Gemeinschaft aufgenommen, erst dann ist man "erwachsen".
Würde Herr K. mit Hilfe der Analyse diesen Schritt schaffen? Würde ich
als Vatervertreter und Hüter der gesellschaftlichen Erwartungen seine Gefühlswelt
zu dieser Reife bringen, so abgespalten wie sie bisher unter einer starren Maske
verborgen lag? Im ersten Traumteil steht die Unterwerfungsgeste des Sohnes gegenüber
dem prüfenden Vater im Vordergrund, aber bereits der zweite zeigt die darunterliegende
Auflehnung. Der unbewusste Wunsch phantasiert sich einen ans Kreuz gefesselten
Vater. Er wird seiner patriarchalen Macht beraubt und ist in dieser Lage unfähig,
den Sohn für sein Versagen zu bestrafen. Diese Kampfansage ist für den
Patienten noch zu gefährlich. Er erwartet zwar, dass der Vater "leidet",
aber die Traumzensur kehrt den verpönten Impuls in sein Gegenteil: der Vater
ist "guter Stimmung" und scheint mit der Aggression des Sohnes "gut
zurechtzukommen". Herrn K. fiel zu dem Traum "nichts ein".
Zu fern und gefährlich war ihm am Beginn der Analyse noch die Auseinandersetzung
mit dem Vaterthema und seine Wiederholung in der Übertragung zu mir. Ich
fasse auch hier wieder die wichtigsten Inhalte und Entwicklungsstufen der Therapie
zusammen. Wie zu erwarten, bildete in ihrem Verlauf der unbewältigte Ödipuskomplex
das Zentrum. Zu Beginn der Behandlung stand Herr K. noch ganz unter dem mächtigen
Schatten des Vaters. In manchen Verhaltensweisen schien er wie der Fünfjährige
zu sein, dessen Weiterentwicklung durch den plötzlichen Tod des Vaters wie
abgeschnitten wirkte. So wie damals unterwarf er sich auch heute noch jeder männlichen
Autorität und ersehnte sich von ihr wohlwollende Nähe und Unterstützung.
Seine Vorgesetzten schätzten ihn wegen dieser Eigenschaften, zumal er in
seiner Arbeit ungewöhnlich fleißig und gewissenhaft war. Sein Wunsch,
von der Vaterautorität geliebt zu werden, drückte sich auch in der Übertragung
zu mir in vielen Träumen aus, von denen ich zwei zitiere: "Ich lag
hier auf der Couch und rückte immer höher. Sie fragten: ,Merken Sie,
dass Sie immer näher rücken? Ich hatte es schon wahrgenommen, aber das
verunsicherte mich. Sie sagten, das sei doch viel familiärer. Dann standen
Sie auf, legten mir eine Hand auf die Schulter. Sie waren sehr ergriffen und bewegt,
sagten, es sei sehr gut, dass ich das zulassen könnte." "Ich
war hier. Nach der Stunde haben Sie gesagt, demnächst könnten wir auch
mal ein Glas Bier zusammen trinken gehen. Danach gehen wir zusammen aus dem Haus.
Sie sagen, Sie können mich noch ein Stück in Ihrem Auto mitnehmen. Wir
steigen zusammen ein, und Sie fahren los." Beide Träume drücken
die Sehnsucht des Patienten nach körperlicher Nähe und familiärer
Zugehörigkeit unverhüllt aus. In der psychoanalytischen Symbolsprache
stellt das Auto Aspekte des Selbst dar. Im Auto des Analytikers mitzufahren, lässt
sich als Wunsch deuten, an dessen Selbst zu partizipieren und zu reifen. Die
beschriebene Gesamtproblematik von Herrn K. zeigt, wie hoch der Preis ist, den
er für seine Unterwerfungsbereitschaft unter die Vaterautorität zu zahlen
hat. Aus fachlicher Sicht handelt es sich hierbei um das Stadium des "negativen
Ödipuskomplexes", der entwicklungspsychologisch dem "positiven"
vorangeht, bis der Gesamtkomplex im Laufe der weiteren Reifung ganz aufgelöst
wird. Der "negative Ödipuskomplex" ist hauptsächlich durch
drei Merkmale gekennzeichnet. Erstens durch die beschriebene Unterwerfungshaltung,
die zeitweilig feminine und homosexuelle Züge annehmen kann. Das zweite Merkmal
ist durch ein stark ausgeprägtes Über-Ich gekennzeichnet, das durch
die Verinnerlichung väterlicher Ge- und Verbote entsteht. Die Moral des Patienten,
sein Verantwortungsgefühl, sein Pflichtbewusstsein und die drückende
Last seines Schuldgefühls zeigten ein tyrannisches Über-Ich am Werk,
das primär dem Einfluss seines Vaters entstammte. Dass es diese Macht aber
erhalten hatte, hing mit dessen unerwarteten Tod zusammen. Durch ihn wurde dem
Sohn die Möglichkeit entzogen, im Rahmen der notwendigen Rivalität mit
dem Vater sein eigenes Normensystem zu entwickeln und dadurch den Zugriff des
Über-Ich zu lockern und im Sinne eines eigenen Selbstbildes zu modifizieren.
Seine Gefühlsstarre und Unlebendigkeit wurden im Laufe der Therapie immer
deutlicher als Niederschläge seines rigorosen Gewissens erkennbar. Das
dritte Merkmal liegt in der Unfähigkeit zu tieferen heterosexuellen Gefühlsbindungen.
Zum Zeitpunkt als der Vater starb war Herr K. emotional noch stark auf die Mutter
bezogen, durfte aber seine Gefühle wegen des bestehenden Inzesttabus wenig
zum Ausdruck bringen. Im Gegenteil wehrte er sie ab, woraus eine heftige Gefühlsambivalenz
zur Mutter resultierte, die bis zum Beginn der Therapie fortbestand. Erst durch
seine normale Verarbeitung des Ödipuskonfliktes hätte er die libidinöse
Bindung an die Mutter aufgeben und auf außerfamiliäre Beziehungen übertragen
können. So aber blieb er in der Ambivalenz stecken, die in ihrer distanzierenden
und destruktiven Form alle späteren Liebesbeziehungen einfärbte und
scheitern ließ. Erst nach der Bearbeitung des "negativen Ödipuskomplexes"
durch die Therapie kam es zu einer dramatischen Wende. Vorboten hierzu bildeten
wieder Träume, in denen nervenzerfetzende Wettrennen, wilde Verfolgungen
und brutale Kämpfe mit anderen Männern, die nicht selten tödlich
endeten, so manchen Actionthriller mit ihrer Bildgewalt in den Schatten stellten.
Sie gipfelten in einem Traum, von dem Herr K. nur noch eine Szene erinnerte: "Ich
erschlug Adolf Hitler." Damit hatte er, zunächst im Traum, wie Ödipus
den Vater-Tyrannen endgültig beseitigt. Auch in der Realität vollzog
sich mit Herrn K. ein Wandel, mit dem niemand in seiner Umwelt gerechnet hatte.
Aus dem höflichen und angepassten Abteilungsleiter wurde ein aufrührerischer
Rebell, der sich mit allen anlegte, die ihm in die Quere kamen, Vorgesetzte, Gruppenleiter,
gleichgestellte Kollegen, Untergebene und - sein Analytiker. Bei aller Kraft,
die es kostet, sich den heftigen Aggressionen und Entwertungen von Patienten auszusetzen,
freut sich zunächst nur der Therapeut über den "positiven Ödipuskomplex",
weil er darin ein Zeichen der Heilung entdeckt. Die Konflikte mit dem sozialen
Umfeld lassen nicht lange auf sich warten. Deswegen schreckte Herr K. zuerst vor
soviel neu gewonnener Courage zurück, sie machte ihm Angst, aber er konnte
nicht anders. Die verdrängte Energie ließ sich nicht länger zügeln.
Er fühlte sich allerdings durch die Zuversicht des Therapeuten gehalten,
der ihn auf seinem Weg begleitete. Die Besetzung des Ich des Patienten mit
aggressiver Energie war notwendig, um eigene Interessen besser wahrnehmen und
selbstbewusster durchsetzen zu können und zur Befreiung aus der Über-Ich-Tyrannei.
Am Ende der Therapie hatte Herr K. gelernt, die aus der Verdrängung gelösten,
zunächst überschießenden Kräfte selbst zu bändigen und
in kontrolliertes soziales Handeln einzubinden. Mit der wachsenden Lebendigkeit
wurden auch die eingefrorenen Gefühle nach dem Trauma des Vaterverlustes
in eine erlebbare Trauer verwandelt. In ihrem Verlauf tauchten langsam wieder
Erinnerungen an einen positiven Vater auf, an die Fähigkeiten, die er seinem
Sohn bei allen Arbeiten auf dem Bauernhof beigebracht hatte, an seine Fürsorglichkeit
und Verlässlichkeit, die dem Patienten schließlich halfen, sich mit
seinem Vaterschicksal zu versöhnen. Erst nach der Durcharbeitung des
ödipalen Dramas war Herr K. in der Lage, Gefühle von Hingabe und Zusammengehörigkeit
zu einer Frau zuzulassen, mit der er im letzten Jahr der Analyse zusammenlebte.
Ein halbes Jahr nach Therapieende schickte er mir eine Heiratsanzeige und ein
Jahr später das Foto eines pausbäckigen Babys. Er hatte seine Identität
als Mann gefunden. Die Schilderung der Behandlung von Herrn K. konnte sicher
zeigen, daß der Vaterverlust in der ersten ödipalen Phase zu einer
tragischen Stagnation der nachfolgenden Reifungsschritte führen kann. Die
Defizite sind aber im Rahmen einer Therapie oftmals deswegen relativ leicht auszugleichen,
weil die Anwesenheit des Vaters bis etwa zum fünften Lebensjahr wichtige
Grundsteine für die psychische Struktur des Kindes wie die Ausbildung einer
Gewissensinstanz, soziale Kompetenzen und kognitive Fähigkeiten gelegt hat,
die im Sinne des Realitätsprinzips günstige Vorbedingungen zur Nachreifung
und Bewältigung späterer Lebensaufgaben stellen. Es sind die inneren
Bilder von einem Vater, die Orientierung bieten und den jungen Mann auf seinem
Weg ins Leben begleiten. Voraussetzung dafür sind ausreichend "gute"
Vateranteile, die das Kind noch zu Lebzeiten des Vaters verinnerlichen konnte. |