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taz (Berlin), 23.04.02
WARNFRIED DETTLING
Kinderfreundlichkeit
kann keiner kaufen
Renate Schmidt hat
ein bemerkenswertes Buch zur Familienpolitik verfasst,
mit zukunftsweisenden Reformansätzen zu Betreuung
und Finanzierung
Die Parteien haben
die Familien entdeckt. Und es ist diesmal wohl mehr
als der übliche Lärm vor der Wahl. Denn
nach 25 Jahren haben sich endlich die Folgen der demographischen
Entwicklung herumgesprochen. Zudem hat das Bundesverfassungsgericht
die Politik zum Handeln gezwungen. Nicht länger
verdrängen lässt sich auch das Ärgernis,
dass in einem reichen Lande die Kinder- und Familienwünsche
vieler jungen Frauen und Männer sich brechen
an den Verhältnissen. Schließlich hat zur
Konjunktur des Themas auch die These des Wahlkampfberaters
Dick Morris beigetragen. "Its Economy, Stupid",
hat er damals Bill Clinton erfolgreich geraten. Jetzt
sieht er die "sozialdemokratische Herausforderung"
im "Übergang von Wirtschaftsthemen zu Wertvorstellungen".
In diese Lage hinein hat Renate Schmidt ein bemerkenswertes
Buch geschrieben, das aus den politischen Sachbüchern
zu diesem Thema herausragt. Und das hat Gründe:
Zum einen rückt sie die Familie konsequent vom
Rand in die Mitte der Gesellschaftspolitik. Die Autorin
führt die Debatte heraus aus den alten Schützengräben,
die man ja durchaus den beiden Volksparteien zuordnen
konnte. Die einen sorgen sich um die heile Familie,
kümmern sich aber eher wenig um die neuen Realitäten,
insbesondere um die Entfaltungswünsche junger
Frauen. Die anderen sehen in der Familie vor allem,
wie Schmidt nicht ohne böse Ironie notiert, "einen
Ort, wo
" allerlei Schlimmes passiert und
die Menschen überhaupt an Entfaltung und Emanzipation
gehindert wurden.
Geborgen und frei
Die Autorin entwirft dagegen analytisch und normativ
eine komplexe Familienpolitik, die die neuen Lebenswirklichkeiten,
aber auch die alten Wünsche ernst nimmt und fragt,
wie die Rahmenbedingungen geändert werden müssten,
damit heute und morgen Familie leichter gelebt werden
kann. So entstehen Umrisse einer Familienpolitik auf
der Höhe der Zeit, die den Wunsch nach Beziehung,
Verlässlichkeit und Geborgenheit, das Recht auf
ein eigenes Leben und die Idee der Gleichheit der
Geschlechter ernst nimmt. Das ist die normative Trias,
vor der Schmidt konkrete Vorschläge macht, denn
sie weiß: Wer eines dieser drei Wertziele ausblendet,
dürfte familienpolitisch scheitern.
So wird Familienpolitik Teil der Gesellschaftspolitik,
und so werden von der Autorin auch in der Familienpolitik
die Maßstäbe wieder gerade gerückt.
Ihr Refrain ist immer wieder, dass Geld wichtig und
notwendig ist, aber eben nicht alles. Man könnte
es auch drastischer formulieren - Familien und Kinder
kann man nicht kaufen. Schmidt nennt drei Säulen
einer erfolgreichen Familienpolitik: die kinder- und
familienfreundliche Gesellschaft, den Familienleistungsausgleich
und nicht zuletzt ein quantitativ ausreichendes, qualitativ
hochwertiges und flexibles Betreuungsnetzwerk. Wie
sie den letzten Punkt (Betreuung) durchbuchstabiert,
macht ihre Überlegungen auch innovativ und übertragbar
für andere Bereiche der Politik: Die KitaCard
etwa als Mittel und Weg, nicht Angebote zu subventionieren,
sondern die soziale "Kaufkraft" zu stärken,
um so das Betreuungssystem sozial gerechter und responsiver
zu machen, oder die Mobilisierung von freiwilligem
Engagement rund um Kindergarten und Schule, um beides
besser in der lokalen Gesellschaft zu verankern.
Nach der Lektüre dieses informativen, engagierten,
gut lesbaren Buches, das die gesammelte Erfahrung
einer Politikerin, Familien- und Berufsfrau verrät,
bleiben vor allem zwei offene Fragen. Die eine betrifft
das Bundesverfassungsgericht und seine Wirkungen für
die Familienpolitik. Die andere fragt nach der Rolle,
welche die Männer für das Gelingen oder
Verschwinden von Familien spielen. Es ist offensichtlich,
dass die Entscheidungen aus Karlsruhe das Thema aufgewertet
und auf die Tagesordnung der Politik gesetzt haben.
Weniger offensichtlich, aber folgenschwer ist die
Weichenstellung, die die Verfassungsrichter vorgenommen
haben. Der Grundsatz der "horizontalen Gerechtigkeit"
(Familien mit Kindern dürfen unabhängig
vom Familieneinkommen nicht schlechter gestellt sein
als Paare ohne Kinder) wird dazu führen, dass
Milliarden in eine Richtung gelenkt werden, die zu
einer Umverteilung von unten nach oben führt,
aber für (viele) real existierende Familien und
für die Realisierung vieler Familien- und Kinderwünsche
keinerlei Unterschied macht.
Wo bleiben die Männer?
Die Präsidentin des Verfassungsgerichtes, Jutta
Limbach, hat einmal angemerkt, die Politik könne
dem Gericht durchaus öfter mal Gelegenheit geben,
seine Entscheidungen zu überprüfen. Es ist
eine Sache und Aufgabe des Gerichts, über die
Verfassung zu wachen. Eine andere Sache und Aufgabe
der Politik ist es, über die Mittel und Wege
zu entscheiden, wie den Familien am besten geholfen
werden kann. In dieser Frage haben Richter keinen
Erkenntnisvorsprung.
Und wo bleiben die Männer? Renate Schmidt konnte
alles, Politik, Beruf und Familie, unter einen Hut
bringen, weil sie einen unterstützenden Mann
hatte. Niemand weiß, wie solch positive Erfahrungen
gesellschaftspolitisch zu verallgemeinern wären.
Viele Familienwünsche brechen sich nicht nur
an den neuen Realitäten, sondern auch an den
alten Verhaltensweisen. Schmidt deutet an, woran man
denken könnte, etwa ein kürzeres, aber höheres
Erziehungsgeld. Doch dahin ist es ein weiter Weg.
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