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Auszug aus dem Buch
"SOS-Familie, ohne Kinder sehen wir alt aus"
Von Bundesfamilienministerin Renate Schmidt
Erschienen Rowohlt-Verlag März 2002
ISBN 3-87134-444-3, Preis: 16,90 Euro

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VORNEHME DISTANZ ZUM
FEUCHTEN TEXTIL -
NEUE VÄTER BRAUCHT DAS LAND

Für meine Großväter wäre es unvorstellbar gewesen, ihre Kinder zu wickeln, den Kinderwagen zu schieben oder Fenster zu putzen. Für meinen Vater war es schon sehr ungewöhnlich, dass er die Hausordnung machte, wenn meine Mutter am Samstag arbeiten ging. Gewickelt hat er uns aber auch nicht und Kinderwagen nur dann geschoben, wenn er mit meiner Schwester, die darin lag, Schabernack spielen wollte. Mein Mann hat mit dem Wickeln beim dritten Kind angefangen, bei den ersten beiden kamen er und auch ich nicht auf diese blendende Idee.
In der heutigen Jungmännergeneration sieht es zumindest auf dem Papier anders aus. Immerhin zwei Drittel der jungen Männer halten es für selbstverständlich, dass auch sie für Familien- und Hausarbeit zuständig sind, und würden die anstehenden Aufgaben gern gemeinsam erledigen. Nur, was man für selbstverständlich hält, wird deshalb noch lange nicht getan. Verbale Aufgeschlossenheit bei hinreichender Distanz zu konkretem Handeln könnte man dies nennen.
Gerade mal die Hälfte hilft denn auch konkret. Uta Meier, Professorin für Wirtschaftslehre im Privathaushalt, kommt in einer aktuellen Studie zu dem Ergebnis, dass 82 Prozent aller Hausarbeiten von Frauen erledigt werden. Eine Minute pro Tag trägt durchschnittlich ein deutscher Mann täglich zur Wäschepflege bei. "Männer", sagt deshalb Uta Meier, "halten eine vornehme Distanz zum feuchten Textil, sei es Feudel, Windel oder Wäsche. "
88 Prozent der Bevölkerung (nach einer Studie von 1999) sind der Meinung, dass Frauen fürs Wäschewaschen und Bügeln zuständig sind. 72 Prozent halten Fensterputzen für Frauensache. Wiederum 72 Prozent der Befragten sehen dagegen die Männer in der Verantwortung für Reparaturen - nur 29 Prozent der Frauen trauen sich das selber zu. Kochen ist offensichtlich gemeinsame Sache. 58 Prozent der unverheirateten Männer, die in einer nicht ehelichen Lebensgemeinschaft leben, kochen. Nach der Eheschließung halbiert sich dieser Prozentsatz auf 29 Prozent.
Das hat zur Folge, so eine Studie der Universität Wien, dass Männer im Durchschnitt 6 Stunden wöchentlich Haus- und Familienarbeit, im weitesten Sinn, leisten, Frauen dagegen 16 Stunden. Dafür arbeiten die Männer mehr im Beruf, nämlich durchschnittlich 42 Stunden gegenüber 32 Stunden bei Frauen. Das heißt, beide arbeiten achtundvierzig Stunden, er bekommt davon 87 Prozent bezahlt, sie nur 66 Prozent.
Eine Stunde und zwölf Minuten widmet sich der Durchschnittsvater täglich seinen kleinen Kindern. Wenn sie älter werden, sind es nur noch 53 Minuten. Mütter kümmern sich durchschnittlich drei Stunden um ihre Kinder. Das alles, obwohl in den meisten Umfragen Männer nicht nur Väter werden, sondern auch Väter sein wollen.
Praktisch sieht es in den meisten Ehen oder auch nicht ehelichen Partnerschaften aber so aus: Bis zur Geburt des ersten Kindes wird die Hausarbeit geteilt, nicht gerade hälftig, aber immerhin in nicht unerheblichem Maß. Nach der Geburt des ersten Kindes ist der Vater plötzlich weg, (auf gut Bayerisch) "wie's Würschtl vom Kraut". Er beteiligt sich kaum an der Hausarbeit, geschweige denn am Wickeln, Füttern, Beruhigen des Babys, er klopft stattdessen aber Überstunden wie blöd.

Dies geschieht in einer Phase der Partnerschaft, in der die frisch gebackene Mutter ihren Mann besonders braucht. Für sie ist das Kind eine der größten Umstellungen ihres Lebens. Von einem Tag auf den anderen ist sie rund um die Uhr für ihr Baby zuständig. Dieses Baby ist zwar, wie alle Babys dieser Welt, reizend, aber an einem nicht unerheblichen Teil des Tages kann es auch reichlich nervtötend sein. Gleichzeitig fehlen der Mutter Erfolgserlebnisse und Zustimmung im Beruf, Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, Kontakte mit Erwachsenen. Außerdem findet sie sich meistens nach der Geburt nicht besonders attraktiv, und das alles wird garniert von der Unsicherheit, ob sie mit ihrem Kind alles richtig macht.
In dieser Lebenssituation täte ein Mann und Vater besonders gut, der ihr versichert, wie wunderbar sie aussieht, der mit ihr gemeinsam nach dem richtigen Umgang mit dem Kind sucht, der ihr Zeit für sich selbst und für den Kontakt mit Freunden und Kollegen schafft. Für manches Scheitern von Partnerschaften, für manche Entfremdung der Partner, sowohl im erotischen als auch im partnerschaftlichen Bereich, wird die Keimzelle zu dieser Zeit gelegt.
Warum verhalten sich Väter so? Aus in ihren Augen ganz vernünftigen Gründen. Auch ihre Lebenssituation verändert sich abrupt: Väter fühlen sich von einem Tag auf den anderen alleine zuständig für das materielle Wohlergehen ihrer Familie. Auch die Väter sind mit ihrer Situation unglücklich: Sie fahren Überstunden, damit die größere, eigene Wohnung möglich wird, damit das fehlende Einkommen ihrer Frau ausgeglichen wird. Sie verstehen nicht, dass sie dafür nicht belobigt, sondern sogar noch mit saurem Gesicht empfangen werden.
Aber nicht nur an der Unkenntnis unterschiedlicher Bedürfnisse von Müttern und Vätern liegt es, dass Väter zu häufig nur Väter werden und es vor allem in den ersten Lebensjahren ihrer Kinder zu wenig sind. Es liegt auch daran, dass die wenigsten Jungen männliche Vorbilder erleben, die ein wirkliches Vaterbild vermitteln: den nicht nur materiell, sondern auch emotional und in der praktischen Familienarbeit Sorge tragenden Vater.
Die Kindheit von Mädchen und Jungen ist verweiblicht. Den größten Teil des Tages sind für Kleinkinder die Mütter, Omas oder die Tagesmütter Bezugspersonen. In den Kindergärten sind es Erzieherinnen, hin und wieder verirrt sich ein einzelner Erzieher oder ein Zivi dorthin. In der Grundschule unterrichten zu mehr als 90 Prozent Lehrerinnen. Erst an den weiterführenden Schulen rücken Männer wieder in den Gesichtskreis von Kindern und Jugendlichen. Bis zu diesem Zeitpunkt sind aber Verhaltensweisen längst festgelegt, haben sich die Geschlechter längst in ihren jeweiligen Rollen orientiert.
Noch bei den Dreijährigen ist das Sorgeverhalten bei Mädchen und Jungen gleich ausgeprägt, sie kümmern sich um die Jüngeren. Schon bei den Fünfjährigen zeichnen sich deutliche Unterschiede ab. Die Mädchen sorgen unverändert weiter, die Jungen lehnen das weitgehend als "weibisch" ab. Diese Tendenz verstärkt sich mit zunehmendem Alter.
Väter sehen sich zum einen also einem finanziellen Druck ausgesetzt, sich vorrangig um das materielle Wohlergehen zu kümmern. Es fehlt ihnen zum anderen an Vorbildern. Und zum Dritten haben Väter, die Väter sein wollen, weitere Hindernisse zu überwinden: Unsere Sozialsysteme, die beruflichen Karrieremuster und die den Menschen unterstellten Lebensläufe sind nach wie vor weitgehend auf die Lebensentwürfe der vorletzten Generation, also auf die Alleinverdienerehe mit der möglichst vierzigjährigen ununterbrochenen Erwerbstätigkeit des- männlichen Haupternährers, ausgerichtet.
Das bedeutet ganz praktisch: Bis zum fünfundvierzigsten Lebensjahr hat der Mensch nahezu alles zu erledigen, was ein Menschenleben so ausmacht. Berufsausbildung abschließen, auf der Karriereleiter emporklettern, Familie gründen, Haus bauen,

Apfelbaum pflanzen und was man sich sonst noch vorgenommen haben mag.
Danach, etwas erschöpft, ist Vorsicht am Platze, um das Erreichte bis zum fünfundfünfzigsten Lebensjahr zu sichern. Denn dann kommt, teilweise erwünscht, teilweise befürchtet, die Frühverrentung - die Führungsetagen in Wirtschaft, Politik, öffentlichem Dienst und Kirchen mal ausgenommen. Und der Frührentner darf sich dann auf Rentnerfahrten zwischen Schweinebraten und Rindsroulade entscheiden, oder er verbringt gar, wenn die Rente reicht, den Winter auf Mallorca.
Dieses Programm läuft, unbeeindruckt von der stetig steigenden Lebenserwartung, ab. Derzeit werden in Deutschland die Frauen achtundsiebzig und die Männer dreiundsiebzig Jahre alt (der Unterschied ist übrigens nicht genetisch, sondern verhaltensbedingt, wie im Folgenden noch ausgeführt wird). Der Druck, möglichst früh möglichst viel im Beruf erreichen zu müssen, verstärkt sich im Übrigen noch. Wer die vierzig überschritten hat, gilt in nicht wenigen technischen Berufen und denen der "New Economy" bereits nicht mehr als vermittelbar.
Eine Folge ist, dass Männer und Frauen immer später Eltern werden. Erst muss der berufliche Erfolg sichergestellt sein, denn das ist vielfach zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr möglich. Dies bleibt nicht ohne Folgen für Väter, die eigentlich Zeit für ihre Kinder investieren möchten. Sie können dieses Ideal nur um den Preis verwirklichen, auf beruflichen Erfolg zu verzichten und unter Umständen die eigene Erwerbstätigkeit überhaupt aufgeben zu müssen. Dies gilt auch dort, wo es eigentlich anders sein sollte - im öffentlichen Dienst. Auch die Beschäftigung dort birgt Gefahren für Väter, die nicht nur Väter werden, sondern auch sein wollen.
Ein konkretes Beispiel: Ein junger Vater unterbricht seine Tätigkeit nach dem Lehramtsreferendariat, um das zu tun, was ihm zusteht - er beantragt und erhält Erziehungsurlaub. Nach zwei Jahren Unterbrechungszeit kehrt er aus der Elternzeit zurück, um nun als Lehrer zu arbeiten. Zwischenzeitlich gelten jedoch höhere Anforderungen. Anders als zwei Jahre zuvor reichen seine Noten nicht aus, um in den Staatsdienst übernommen zu werden. Für Mütter kein Problem, denn der § 125 b des Beamtenrechtsrahmengesetzes sieht vor, dass die Übernahme als Beamtin zu den Bedingungen zu erfolgen hat, die vor Antritt des Erziehungsurlaubs gegolten haben.
Unser junger Vater aber muss zu seinem Leidwesen feststellen, dass diese Vorschriften samt und sonders - und verfassungswidrig - nur für Frauen gelten. Das Einschalten des zuständigen Abgeordneten brachte dem verhinderten Beamten 1998 das Bedauern des Bundesinnenministeriums und des für die Einstellung zuständigen Kultusministeriums auf Landesebene ein.
Die Hausjuristen des Kultusministeriums verstiegen sich aber zu folgender Begründung der verfassungswidrigen Ungleichbehandlung: "Der § 125 b Beamtenrechtsrahmengesetz privilegiert Frauen, deren Einstellung sich nur <infolge der Geburt eines Kindes verzögert hat>." Eine Ausweitung dieser Regelung "auf Männer, die zur Geburt eines Kindes nicht in der Lage sind, wäre aber vom Wortlaut dieser Bestimmung nicht mehr gedeckt". Der § 125 b verstoße im Übrigen nicht gegen das Grundgesetz, da es dem Bundesgesetzgeber freistehe, "anknüpfend an die biologische Sonderstellung der Frau, diese gegenüber dem Mann zu begünstigen".
Auf diese Art satirische "Begünstigung" verzichten Mütter und Väter gerne und sofort. Man könnte darüber lachen, wenn nicht dahinter das immer gleiche vorgestrige Denken stünde, wenn nicht wieder einmal Mutter- und Vaterschaft rein biologistisch begründet würde und wenn die behördlichen Mühlen nicht so unendlich langsam mahlen würden. Erst unter der Regierung Schröder, Ende 2001, ist es gelungen, über die Neufassung des § 125 b eine geschlechtsneutrale Regelung zu erwirken.

Nach wie vor folgt zudem die Entscheidung, wer zum Zwecke der Kinderbetreuung die Erwerbstätigkeit unterbricht, einer ganz nüchternen Überlegung. Frauen verdienen im Durchschnitt ein Viertel weniger als Männer. Und weil Familienleben nicht ohne Rücksicht auf ökonomische Erfordernisse zu gestalten ist, lautet die Konsequenz: Das höhere Einkommen bleibt voll bestehen (in der Regel das des Mannes), das niedrigere geht weg oder geht in Teilzeitbeschäftigung über (in der Regel das der
Frau).
Der Versuch, die Vaterrolle auch zu leben, scheitert häufig aus einem weiteren Grund: Selbst in Unternehmen, die Vätern zum Beispiel eine Teilzeitbeschäftigung problemlos genehmigen, ohne Stirnrunzeln des Vorgesetzten, müssen Väter mit dem Unverständnis ihrer Kollegen, der Nachbarschaft und des Freundeskreises rechnen. Ein ganzer Mann tut so etwas nicht.
Die zahlreicher werdenden Väterinitiativen, von denen sich Gott sei Dank viele aus der Schmollecke der beleidigten Scheidungsväter herausbewegen, klagen zu Recht darüber, dass es keine politische und gesellschaftliche Kultur des Vaterseins und damit auch keine gesellschaftliche Unterstützung des Vaterseins gibt. Das zeigt sich an Kleinigkeiten, die aber typisch sind:
Es gibt kaum Erzählungen oder Schulbuchtexte über den sorgenden Vater. Mir ist gar keiner bekannt. Frauen haben sich zu Recht darüber beklagt, dass sie in Kinder- und Schulbüchern ausschließlich angeblich typisch weibliche Tätigkeiten ausführen. Rollen werden sich aber nur verändern, wenn beide, Väter und Mütter, mit all ihren Lebensmöglichkeiten dargestellt werden.
Eine weitere Kleinigkeit: Die Angebote für Babygymnastik und alles, was mit Neugeborenen zu tun hat, richten sich nahezu ausschließlich an Mütter. Teilweise sind Väter sogar unerwünscht, ausgesprochen und unausgesprochen. So kauft man den neuen Vätern scheibchenweise den Schneid ab.
Diese Situation ist mehr als bedauerlich, denn Kinder brau- eben ihre Väter ebenso wie ihre Mütter. Nicht nur, um ihre materielle Existenz sicherzustellen, sondern für ihre Gesamtentwicklung.
Die Vaterschaft ist ein vergleichsweise unerforschtes Gebiet. Jüngste internationale Studien weisen jedoch sowohl in den USA als auch in Deutschland (Prof. Fthenakis) darauf hin, dass der Vater das Selbstwertgefühl des Kindes und des künftigen jungen Erwachsenen genauso beeinflusst wie die Bildung und Ausbildung der Kinder. Und vor allem beeinflusst der Vater durch sein Vorbild die künftige Verhaltensweise der Jungen.
Um ihre Väterrolle erweitern und entwickeln zu können, brauchen Väter auch die Unterstützung der Mütter. 55 Prozent der Frauen halten Männer für nicht geeignet, Kinder zu erziehen - fälschlicherweise. Hier beginnt in der Familien- und Erziehungsarbeit der gleiche Teufelskreis wie bei der Hausarbeit. Frau kann und weiß alles besser, gutmütiger Partner fühlt sich demotiviert, ihm wird verwehrt, eigene Fehler und eigene Erfahrungen zu machen, und zieht sich daraufhin zurück. Partnerin ist zunehmend überfordert und reagiert sauer auf den Rückzug. Partner ist nicht bereit, nur Arbeit auf Anweisung und im Sinne seiner Frau zu tun.
Merke: Arbeit in Familie und Haushalt, Erziehung von Kindern setzt die Respektierung unterschiedlicher Stile genauso voraus wie Gleichberechtigung von Mutter und Vater - auch hier müssen Frauen einen Teil ihrer bisherigen Machtpositionen räumen, um Freiheit für sich selbst und Gleichberechtigung in außerhäuslichen Bereichen zu gewinnen.
Kinder brauchen ihren Vater, sonst fehlt ihnen ein Teil ihrer Identität. Natürlich scheitert nicht jedes Kind, das, aus welchen Gründen auch immer, nicht die Möglichkeit eines Kontakts zum Vater hatte, sei es der Tod des Vaters oder auch das - leider nicht seltene - Abtauchen des Vaters nach einer Trennung.
In all diesen Fällen ist es dennoch wichtig, dem Kind ein positives Vaterbild zu vermitteln und es nicht - bei einer Trennung der Eltern - als Partnerersatz und als Klagemauer für die Schlechtigkeit des Vaters zu missbrauchen. Der US-Psychologe John Selby sagt: "Nicht jedes vaterlose Kind wird kriminell, aber 80 Prozent der kriminell gewordenen Jugendlichen sind ohne Kontakt zum Vater aufgewachsen."
Damit sind wir bei dem in Deutschland unerfreulichen Kapitel, dass die wahrscheinlich meist unvermeidlichen Konflikte, die bei einer Trennung von Mutter und Vater entstehen, auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden, unbewusst oder bewusst. Die Münchner Familientherapeutin Osterhold-Lederle sagt dazu in einem Interview mit der Zeitschrift Eltern:
"Wenn Kinder nach der Trennung den Vater aus den Augen verlieren, weil er verschwindet oder weil die Mutter ihn verschwinden lässt, erschüttert dies nicht nur ihr Vertrauen in die Stabilität menschlicher Beziehungen, sondern auch ihr Selbstwertgefühl. Viele Kinder leiden - manchmal ein Leben lang - unter dem Gefühl, dass man sie nicht wichtig nimmt. Sie spüren, dass eine Hälfte von ihnen nicht sein darf: Die Wesenszüge, die sie vom Vater haben, müssen geleugnet werden. Wenn man aber eine Seite der Person abschneiden muss, kann dies zu einer schweren Persönlichkeitsstörung führen. Viele Mütter sagen, der Expartner verstehe nichts von Erziehung. (...)
In den meisten Fällen [ist ein schlechter Vater besser als gar keiner]. Auch der Mensch, den die Mutter für einen schlechten Vater hält (weil er für sie ein schlechter Partner war), ist für die Kinder wichtig: Die Frage ist nicht, ob die Kinder am Wochenende mit ihm Junk-Food essen oder nicht, sondern ob sie ehrliches Interesse von ihrem Vater spüren. Ein Vater, der zum Beispiel oft fünf gerade sein lässt, kann außerdem für das Kind ein wichtiger Ausgleich zu einer sehr genauen Mutter sein - oder umgekehrt."
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Ist das nicht eine idealisierte Darstellung der Scheidungsväter?
Ja, es stimmt: Nahezu ein Drittel der unterhaltspflichtigen Väter leistet keinen oder nur unregelmäßigen Unterhalt für die Mütter und ihre Kinder. Länder und Kommunen geben pro Jahr 1,4 Milliarden Mark an Unterhaltsvorschuss aus, nur 20 Prozent werden von den Unterhaltspflichtigen zurückgeholt.
Ja, es stimmt: Um 37 Prozent sinkt das Einkommen einer Frau mit Kindern nach einer Scheidung. Das Einkommen der geschiedenen Männer, nach einer Studie der Universität Bielefeld, nur um 7 Prozent. Es gibt Väter, die lieber arbeitslos und damit unfähig werden, Unterhalt zu leisten, als dass sie ihrer Unterhaltspflicht nachkommen.
Ja, es stimmt, dass nicht wenige Väter nicht nur aus dem Leben ihrer Partnerinnen, sondern auch aus dem Leben ihrer Kinder vollständig verschwinden. Bei rund der Hälfte der Trennungskinder besteht nach Schätzungen des Bundesfamilienministeriums nach einem Jahr keinerlei Kontakt mehr zum Vater -nicht zu Weihnachten, nicht zu Geburtstagen, nie mehr. Es gibt nicht eheliche Väter, die ihr Kind lebenslang kein einziges Mal sehen.

Aber es stimmt eben auch, dass Mütter - aus Ärger über ihren Partner - den Vater ihrer Kinder einfach verschwinden lassen. Besuchszeiten werden nicht eingehalten, die Mutter zieht ein paar hundert Kilometer weit weg, um es ihrem Exmann möglichst schwer zu machen, die Kinder zu besuchen.
Es stimmt eben auch, dass Mütter versuchen, den Vater schlecht zu machen, und selbst wenn sie es nicht sagen, strahlen sie aus, dass sie die Besuche nicht wünschen. Irgendwann beugt sich das Kind diesem ausgesprochenen, manchmal auch nicht ausgesprochenen Wunsch.
Es stimmt auch, dass Richter und Richterinnen immer noch -trotz der Möglichkeit des gemeinsamen Sorgerechts - glauben, das Kind sei generell besser und alleine bei der Mutter aufgehoben. Dass Mütter in nicht ehelichen Partnerschaften von den Jugendämtern eher dahingehend beraten werden, kein gemeinsames Sorgerecht mit dem nicht ehelichen Vater zu vereinbaren.
Sicher gibt es viel zu viele säumige Unterhaltszahler, die Zahl der allein erziehenden Mütter, die von der Sozialhilfe leben müssen, ist nicht zuletzt eine Folge davon. Leider betrachtet die Rechtsprechung dies immer noch eher als Kavaliersdelikt, aber es gibt wahrscheinlich ebenso viele Besuchsverhinderinnen, Mütter, die ihren Kindern Kontaktsperre zum eigenen Vater auferlegen wollen, ohne dass dies irgendwelche juristischen Konsequenzen hätte.
Das Recht geht zwar vom Wohl des Kindes aus, aber oft genug wird im Streit der Eltern die größte Gefährdung des Kindes gesehen.
Dort, wo die Eltern die charakterliche Größe aufbringen, die Auseinandersetzung der Erwachsenen zwar nicht unter den Teppich zu kehren, aber gleichwohl dem Kind zu vermitteln, dass die Trennung der Eltern nichts an der Liebe der beiden Eltern zu ihrem Kind ändert, wird das Kind diese Trennung nahezu problemlos überstehen.
Da wird das gemeinsame Sorgerecht dann zum Normalfall - was es auch juristisch werden sollte. Da treffen die früheren Partner im Vorhinein Regelungen für mögliche Konfliktfälle: Wer entscheidet was, wenn man sich nicht einigen kann. Da wird das Einkommen der Erwachsenen ohne Tricks und gerecht geteilt. Da kann unter den Erwachsenen aus Liebe Freundschaft entstehen, und Kinder können lernen, dass Konflikte anständig lösbar sind.
Dafür gibt es auch in Deutschland Hilfe, Beratungsstellen und Mediation, leider noch zu selten. Im europäischen Ausland ist man ein Stück weiter. In Dänemark etwa kann ein Ehepaar, wenn es sich einig ist, gegen eine Gebühr von 100 Kronen (13 Euro) beim Ombudsmann geschieden werden. Das Sorgerecht ist grundsätzlich ein gemeinsames.
In Frankreich (wo auch gemeinsames Sorgerecht gilt) stehen für sich trennende Paare sehr viel mehr Beratungsstellen bereit. Auch das hiesige Kinder- und Jugendhilferecht schreibt Beratungsstellen für Scheidungsfamilien vor, dennoch sind sie nicht ausreichend vorhanden. Die Folge ist im Normalfall der Gang zum Rechtsanwalt. Dieser versucht aber nicht den Streit zu begrenzen, sondern muss von Berufs wegen parteilich agieren und gießt damit noch Öl in das Feuer des hochemotionalen Streits.
Mediation und Beratung könnten dieses Feuer begrenzen, helfen, die bisherigen Partner durch die schwierigste Konfliktphase einer Trennung zu lotsen. Leider sind wir davon noch weit entfernt, und das Verschulden für die Situation trifft eine teilweise uneinsichtige Rechtsprechung und Bürokratie genauso wie uneinsichtige Väter und Mütter.
Auch hier gilt: In Wirklichkeit geht es oft nicht um das Wohl des Kindes, sondern um das vermeintliche Wohl der Eltern, also der Erwachsenen.

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