VORNEHME
DISTANZ ZUM FEUCHTEN TEXTIL - NEUE VÄTER BRAUCHT DAS LAND Für
meine Großväter wäre es unvorstellbar gewesen, ihre Kinder zu
wickeln, den Kinderwagen zu schieben oder Fenster zu putzen. Für meinen Vater
war es schon sehr ungewöhnlich, dass er die Hausordnung machte, wenn meine
Mutter am Samstag arbeiten ging. Gewickelt hat er uns aber auch nicht und Kinderwagen
nur dann geschoben, wenn er mit meiner Schwester, die darin lag, Schabernack spielen
wollte. Mein Mann hat mit dem Wickeln beim dritten Kind angefangen, bei den ersten
beiden kamen er und auch ich nicht auf diese blendende Idee. In der heutigen
Jungmännergeneration sieht es zumindest auf dem Papier anders aus. Immerhin
zwei Drittel der jungen Männer halten es für selbstverständlich,
dass auch sie für Familien- und Hausarbeit zuständig sind, und würden
die anstehenden Aufgaben gern gemeinsam erledigen. Nur, was man für selbstverständlich
hält, wird deshalb noch lange nicht getan. Verbale Aufgeschlossenheit bei
hinreichender Distanz zu konkretem Handeln könnte man dies nennen. Gerade
mal die Hälfte hilft denn auch konkret. Uta Meier, Professorin für Wirtschaftslehre
im Privathaushalt, kommt in einer aktuellen Studie zu dem Ergebnis, dass 82 Prozent
aller Hausarbeiten von Frauen erledigt werden. Eine Minute pro Tag trägt
durchschnittlich ein deutscher Mann täglich zur Wäschepflege bei. "Männer",
sagt deshalb Uta Meier, "halten eine vornehme Distanz zum feuchten Textil,
sei es Feudel, Windel oder Wäsche. " 88 Prozent der Bevölkerung
(nach einer Studie von 1999) sind der Meinung, dass Frauen fürs Wäschewaschen
und Bügeln zuständig sind. 72 Prozent halten Fensterputzen für
Frauensache. Wiederum 72 Prozent der Befragten sehen dagegen die Männer in
der Verantwortung für Reparaturen - nur 29 Prozent der Frauen trauen sich
das selber zu. Kochen ist offensichtlich gemeinsame Sache. 58 Prozent der unverheirateten
Männer, die in einer nicht ehelichen Lebensgemeinschaft leben, kochen. Nach
der Eheschließung halbiert sich dieser Prozentsatz auf 29 Prozent. Das
hat zur Folge, so eine Studie der Universität Wien, dass Männer im Durchschnitt
6 Stunden wöchentlich Haus- und Familienarbeit, im weitesten Sinn, leisten,
Frauen dagegen 16 Stunden. Dafür arbeiten die Männer mehr im Beruf,
nämlich durchschnittlich 42 Stunden gegenüber 32 Stunden bei Frauen.
Das heißt, beide arbeiten achtundvierzig Stunden, er bekommt davon 87 Prozent
bezahlt, sie nur 66 Prozent. Eine Stunde und zwölf Minuten widmet sich
der Durchschnittsvater täglich seinen kleinen Kindern. Wenn sie älter
werden, sind es nur noch 53 Minuten. Mütter kümmern sich durchschnittlich
drei Stunden um ihre Kinder. Das alles, obwohl in den meisten Umfragen Männer
nicht nur Väter werden, sondern auch Väter sein wollen. Praktisch
sieht es in den meisten Ehen oder auch nicht ehelichen Partnerschaften aber so
aus: Bis zur Geburt des ersten Kindes wird die Hausarbeit geteilt, nicht gerade
hälftig, aber immerhin in nicht unerheblichem Maß. Nach der Geburt
des ersten Kindes ist der Vater plötzlich weg, (auf gut Bayerisch) "wie's
Würschtl vom Kraut". Er beteiligt sich kaum an der Hausarbeit, geschweige
denn am Wickeln, Füttern, Beruhigen des Babys, er klopft stattdessen aber
Überstunden wie blöd. Dies
geschieht in einer Phase der Partnerschaft, in der die frisch gebackene Mutter
ihren Mann besonders braucht. Für sie ist das Kind eine der größten
Umstellungen ihres Lebens. Von einem Tag auf den anderen ist sie rund um die Uhr
für ihr Baby zuständig. Dieses Baby ist zwar, wie alle Babys dieser
Welt, reizend, aber an einem nicht unerheblichen Teil des Tages kann es auch reichlich
nervtötend sein. Gleichzeitig fehlen der Mutter Erfolgserlebnisse und Zustimmung
im Beruf, Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, Kontakte mit Erwachsenen.
Außerdem findet sie sich meistens nach der Geburt nicht besonders attraktiv,
und das alles wird garniert von der Unsicherheit, ob sie mit ihrem Kind alles
richtig macht. In dieser Lebenssituation täte ein Mann und Vater besonders
gut, der ihr versichert, wie wunderbar sie aussieht, der mit ihr gemeinsam nach
dem richtigen Umgang mit dem Kind sucht, der ihr Zeit für sich selbst und
für den Kontakt mit Freunden und Kollegen schafft. Für manches Scheitern
von Partnerschaften, für manche Entfremdung der Partner, sowohl im erotischen
als auch im partnerschaftlichen Bereich, wird die Keimzelle zu dieser Zeit gelegt.
Warum verhalten sich Väter so? Aus in ihren Augen ganz vernünftigen
Gründen. Auch ihre Lebenssituation verändert sich abrupt: Väter
fühlen sich von einem Tag auf den anderen alleine zuständig für
das materielle Wohlergehen ihrer Familie. Auch die Väter sind mit ihrer Situation
unglücklich: Sie fahren Überstunden, damit die größere, eigene
Wohnung möglich wird, damit das fehlende Einkommen ihrer Frau ausgeglichen
wird. Sie verstehen nicht, dass sie dafür nicht belobigt, sondern sogar noch
mit saurem Gesicht empfangen werden. Aber nicht nur an der Unkenntnis unterschiedlicher
Bedürfnisse von Müttern und Vätern liegt es, dass Väter zu
häufig nur Väter werden und es vor allem in den ersten Lebensjahren
ihrer Kinder zu wenig sind. Es liegt auch daran, dass die wenigsten Jungen männliche
Vorbilder erleben, die ein wirkliches Vaterbild vermitteln: den nicht nur materiell,
sondern auch emotional und in der praktischen Familienarbeit Sorge tragenden Vater.
Die Kindheit von Mädchen und Jungen ist verweiblicht. Den größten
Teil des Tages sind für Kleinkinder die Mütter, Omas oder die Tagesmütter
Bezugspersonen. In den Kindergärten sind es Erzieherinnen, hin und wieder
verirrt sich ein einzelner Erzieher oder ein Zivi dorthin. In der Grundschule
unterrichten zu mehr als 90 Prozent Lehrerinnen. Erst an den weiterführenden
Schulen rücken Männer wieder in den Gesichtskreis von Kindern und Jugendlichen.
Bis zu diesem Zeitpunkt sind aber Verhaltensweisen längst festgelegt, haben
sich die Geschlechter längst in ihren jeweiligen Rollen orientiert. Noch
bei den Dreijährigen ist das Sorgeverhalten bei Mädchen und Jungen gleich
ausgeprägt, sie kümmern sich um die Jüngeren. Schon bei den Fünfjährigen
zeichnen sich deutliche Unterschiede ab. Die Mädchen sorgen unverändert
weiter, die Jungen lehnen das weitgehend als "weibisch" ab. Diese Tendenz
verstärkt sich mit zunehmendem Alter. Väter sehen sich zum einen
also einem finanziellen Druck ausgesetzt, sich vorrangig um das materielle Wohlergehen
zu kümmern. Es fehlt ihnen zum anderen an Vorbildern. Und zum Dritten haben
Väter, die Väter sein wollen, weitere Hindernisse zu überwinden:
Unsere Sozialsysteme, die beruflichen Karrieremuster und die den Menschen unterstellten
Lebensläufe sind nach wie vor weitgehend auf die Lebensentwürfe der
vorletzten Generation, also auf die Alleinverdienerehe mit der möglichst
vierzigjährigen ununterbrochenen Erwerbstätigkeit des- männlichen
Haupternährers, ausgerichtet. Das bedeutet ganz praktisch: Bis zum fünfundvierzigsten
Lebensjahr hat der Mensch nahezu alles zu erledigen, was ein Menschenleben so
ausmacht. Berufsausbildung abschließen, auf der Karriereleiter emporklettern,
Familie gründen, Haus bauen, Apfelbaum
pflanzen und was man sich sonst noch vorgenommen haben mag. Danach, etwas
erschöpft, ist Vorsicht am Platze, um das Erreichte bis zum fünfundfünfzigsten
Lebensjahr zu sichern. Denn dann kommt, teilweise erwünscht, teilweise befürchtet,
die Frühverrentung - die Führungsetagen in Wirtschaft, Politik, öffentlichem
Dienst und Kirchen mal ausgenommen. Und der Frührentner darf sich dann auf
Rentnerfahrten zwischen Schweinebraten und Rindsroulade entscheiden, oder er verbringt
gar, wenn die Rente reicht, den Winter auf Mallorca. Dieses Programm läuft,
unbeeindruckt von der stetig steigenden Lebenserwartung, ab. Derzeit werden in
Deutschland die Frauen achtundsiebzig und die Männer dreiundsiebzig Jahre
alt (der Unterschied ist übrigens nicht genetisch, sondern verhaltensbedingt,
wie im Folgenden noch ausgeführt wird). Der Druck, möglichst früh
möglichst viel im Beruf erreichen zu müssen, verstärkt sich im
Übrigen noch. Wer die vierzig überschritten hat, gilt in nicht wenigen
technischen Berufen und denen der "New Economy" bereits nicht mehr als
vermittelbar. Eine Folge ist, dass Männer und Frauen immer später
Eltern werden. Erst muss der berufliche Erfolg sichergestellt sein, denn das ist
vielfach zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr möglich. Dies bleibt
nicht ohne Folgen für Väter, die eigentlich Zeit für ihre Kinder
investieren möchten. Sie können dieses Ideal nur um den Preis verwirklichen,
auf beruflichen Erfolg zu verzichten und unter Umständen die eigene Erwerbstätigkeit
überhaupt aufgeben zu müssen. Dies gilt auch dort, wo es eigentlich
anders sein sollte - im öffentlichen Dienst. Auch die Beschäftigung
dort birgt Gefahren für Väter, die nicht nur Väter werden, sondern
auch sein wollen. Ein konkretes Beispiel: Ein junger Vater unterbricht seine
Tätigkeit nach dem Lehramtsreferendariat, um das zu tun, was ihm zusteht
- er beantragt und erhält Erziehungsurlaub. Nach zwei Jahren Unterbrechungszeit
kehrt er aus der Elternzeit zurück, um nun als Lehrer zu arbeiten. Zwischenzeitlich
gelten jedoch höhere Anforderungen. Anders als zwei Jahre zuvor reichen seine
Noten nicht aus, um in den Staatsdienst übernommen zu werden. Für Mütter
kein Problem, denn der § 125 b des Beamtenrechtsrahmengesetzes sieht vor,
dass die Übernahme als Beamtin zu den Bedingungen zu erfolgen hat, die vor
Antritt des Erziehungsurlaubs gegolten haben. Unser junger Vater aber muss
zu seinem Leidwesen feststellen, dass diese Vorschriften samt und sonders - und
verfassungswidrig - nur für Frauen gelten. Das Einschalten des zuständigen
Abgeordneten brachte dem verhinderten Beamten 1998 das Bedauern des Bundesinnenministeriums
und des für die Einstellung zuständigen Kultusministeriums auf Landesebene
ein. Die Hausjuristen des Kultusministeriums verstiegen sich aber zu folgender
Begründung der verfassungswidrigen Ungleichbehandlung: "Der § 125
b Beamtenrechtsrahmengesetz privilegiert Frauen, deren Einstellung sich nur <infolge
der Geburt eines Kindes verzögert hat>." Eine Ausweitung dieser Regelung
"auf Männer, die zur Geburt eines Kindes nicht in der Lage sind, wäre
aber vom Wortlaut dieser Bestimmung nicht mehr gedeckt". Der § 125 b
verstoße im Übrigen nicht gegen das Grundgesetz, da es dem Bundesgesetzgeber
freistehe, "anknüpfend an die biologische Sonderstellung der Frau, diese
gegenüber dem Mann zu begünstigen". Auf diese Art satirische
"Begünstigung" verzichten Mütter und Väter gerne und
sofort. Man könnte darüber lachen, wenn nicht dahinter das immer gleiche
vorgestrige Denken stünde, wenn nicht wieder einmal Mutter- und Vaterschaft
rein biologistisch begründet würde und wenn die behördlichen Mühlen
nicht so unendlich langsam mahlen würden. Erst unter der Regierung Schröder,
Ende 2001, ist es gelungen, über die Neufassung des § 125 b eine geschlechtsneutrale
Regelung zu erwirken. Nach
wie vor folgt zudem die Entscheidung, wer zum Zwecke der Kinderbetreuung die Erwerbstätigkeit
unterbricht, einer ganz nüchternen Überlegung. Frauen verdienen im Durchschnitt
ein Viertel weniger als Männer. Und weil Familienleben nicht ohne Rücksicht
auf ökonomische Erfordernisse zu gestalten ist, lautet die Konsequenz: Das
höhere Einkommen bleibt voll bestehen (in der Regel das des Mannes), das
niedrigere geht weg oder geht in Teilzeitbeschäftigung über (in der
Regel das der Frau). Der Versuch, die Vaterrolle auch zu leben, scheitert
häufig aus einem weiteren Grund: Selbst in Unternehmen, die Vätern zum
Beispiel eine Teilzeitbeschäftigung problemlos genehmigen, ohne Stirnrunzeln
des Vorgesetzten, müssen Väter mit dem Unverständnis ihrer Kollegen,
der Nachbarschaft und des Freundeskreises rechnen. Ein ganzer Mann tut so etwas
nicht. Die zahlreicher werdenden Väterinitiativen, von denen sich Gott
sei Dank viele aus der Schmollecke der beleidigten Scheidungsväter herausbewegen,
klagen zu Recht darüber, dass es keine politische und gesellschaftliche Kultur
des Vaterseins und damit auch keine gesellschaftliche Unterstützung des Vaterseins
gibt. Das zeigt sich an Kleinigkeiten, die aber typisch sind: Es gibt kaum
Erzählungen oder Schulbuchtexte über den sorgenden Vater. Mir ist gar
keiner bekannt. Frauen haben sich zu Recht darüber beklagt, dass sie in Kinder-
und Schulbüchern ausschließlich angeblich typisch weibliche Tätigkeiten
ausführen. Rollen werden sich aber nur verändern, wenn beide, Väter
und Mütter, mit all ihren Lebensmöglichkeiten dargestellt werden.
Eine weitere Kleinigkeit: Die Angebote für Babygymnastik und alles, was mit
Neugeborenen zu tun hat, richten sich nahezu ausschließlich an Mütter.
Teilweise sind Väter sogar unerwünscht, ausgesprochen und unausgesprochen.
So kauft man den neuen Vätern scheibchenweise den Schneid ab. Diese Situation
ist mehr als bedauerlich, denn Kinder brau- eben ihre Väter ebenso wie ihre
Mütter. Nicht nur, um ihre materielle Existenz sicherzustellen, sondern für
ihre Gesamtentwicklung. Die Vaterschaft ist ein vergleichsweise unerforschtes
Gebiet. Jüngste internationale Studien weisen jedoch sowohl in den USA als
auch in Deutschland (Prof. Fthenakis) darauf hin, dass der Vater das Selbstwertgefühl
des Kindes und des künftigen jungen Erwachsenen genauso beeinflusst wie die
Bildung und Ausbildung der Kinder. Und vor allem beeinflusst der Vater durch sein
Vorbild die künftige Verhaltensweise der Jungen. Um ihre Väterrolle
erweitern und entwickeln zu können, brauchen Väter auch die Unterstützung
der Mütter. 55 Prozent der Frauen halten Männer für nicht geeignet,
Kinder zu erziehen - fälschlicherweise. Hier beginnt in der Familien- und
Erziehungsarbeit der gleiche Teufelskreis wie bei der Hausarbeit. Frau kann und
weiß alles besser, gutmütiger Partner fühlt sich demotiviert,
ihm wird verwehrt, eigene Fehler und eigene Erfahrungen zu machen, und zieht sich
daraufhin zurück. Partnerin ist zunehmend überfordert und reagiert sauer
auf den Rückzug. Partner ist nicht bereit, nur Arbeit auf Anweisung und im
Sinne seiner Frau zu tun. Merke: Arbeit in Familie und Haushalt, Erziehung
von Kindern setzt die Respektierung unterschiedlicher Stile genauso voraus wie
Gleichberechtigung von Mutter und Vater - auch hier müssen Frauen einen Teil
ihrer bisherigen Machtpositionen räumen, um Freiheit für sich selbst
und Gleichberechtigung in außerhäuslichen Bereichen zu gewinnen.
Kinder brauchen ihren Vater, sonst fehlt ihnen ein Teil ihrer Identität.
Natürlich scheitert nicht jedes Kind, das, aus welchen Gründen auch
immer, nicht die Möglichkeit eines Kontakts zum Vater hatte, sei es der Tod
des Vaters oder auch das - leider nicht seltene - Abtauchen des Vaters nach einer
Trennung. In all diesen Fällen ist es dennoch wichtig, dem Kind ein positives
Vaterbild zu vermitteln und es nicht - bei einer Trennung der Eltern - als Partnerersatz
und als Klagemauer für die Schlechtigkeit des Vaters zu missbrauchen. Der
US-Psychologe John Selby sagt: "Nicht jedes vaterlose Kind wird kriminell,
aber 80 Prozent der kriminell gewordenen Jugendlichen sind ohne Kontakt zum Vater
aufgewachsen." Damit sind wir bei dem in Deutschland unerfreulichen Kapitel,
dass die wahrscheinlich meist unvermeidlichen Konflikte, die bei einer Trennung
von Mutter und Vater entstehen, auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden,
unbewusst oder bewusst. Die Münchner Familientherapeutin Osterhold-Lederle
sagt dazu in einem Interview mit der Zeitschrift Eltern: "Wenn Kinder
nach der Trennung den Vater aus den Augen verlieren, weil er verschwindet oder
weil die Mutter ihn verschwinden lässt, erschüttert dies nicht nur ihr
Vertrauen in die Stabilität menschlicher Beziehungen, sondern auch ihr Selbstwertgefühl.
Viele Kinder leiden - manchmal ein Leben lang - unter dem Gefühl, dass man
sie nicht wichtig nimmt. Sie spüren, dass eine Hälfte von ihnen nicht
sein darf: Die Wesenszüge, die sie vom Vater haben, müssen geleugnet
werden. Wenn man aber eine Seite der Person abschneiden muss, kann dies zu einer
schweren Persönlichkeitsstörung führen. Viele Mütter sagen,
der Expartner verstehe nichts von Erziehung. (...) In den meisten Fällen
[ist ein schlechter Vater besser als gar keiner]. Auch der Mensch, den die Mutter
für einen schlechten Vater hält (weil er für sie ein schlechter
Partner war), ist für die Kinder wichtig: Die Frage ist nicht, ob die Kinder
am Wochenende mit ihm Junk-Food essen oder nicht, sondern ob sie ehrliches Interesse
von ihrem Vater spüren. Ein Vater, der zum Beispiel oft fünf gerade
sein lässt, kann außerdem für das Kind ein wichtiger Ausgleich
zu einer sehr genauen Mutter sein - oder umgekehrt." Vielleicht fragen
Sie sich jetzt: Ist das nicht eine idealisierte Darstellung der Scheidungsväter?
Ja, es stimmt: Nahezu ein Drittel der unterhaltspflichtigen Väter leistet
keinen oder nur unregelmäßigen Unterhalt für die Mütter und
ihre Kinder. Länder und Kommunen geben pro Jahr 1,4 Milliarden Mark an Unterhaltsvorschuss
aus, nur 20 Prozent werden von den Unterhaltspflichtigen zurückgeholt.
Ja, es stimmt: Um 37 Prozent sinkt das Einkommen einer Frau mit Kindern nach einer
Scheidung. Das Einkommen der geschiedenen Männer, nach einer Studie der Universität
Bielefeld, nur um 7 Prozent. Es gibt Väter, die lieber arbeitslos und damit
unfähig werden, Unterhalt zu leisten, als dass sie ihrer Unterhaltspflicht
nachkommen. Ja, es stimmt, dass nicht wenige Väter nicht nur aus dem
Leben ihrer Partnerinnen, sondern auch aus dem Leben ihrer Kinder vollständig
verschwinden. Bei rund der Hälfte der Trennungskinder besteht nach Schätzungen
des Bundesfamilienministeriums nach einem Jahr keinerlei Kontakt mehr zum Vater
-nicht zu Weihnachten, nicht zu Geburtstagen, nie mehr. Es gibt nicht eheliche
Väter, die ihr Kind lebenslang kein einziges Mal sehen. Aber
es stimmt eben auch, dass Mütter - aus Ärger über ihren Partner
- den Vater ihrer Kinder einfach verschwinden lassen. Besuchszeiten werden nicht
eingehalten, die Mutter zieht ein paar hundert Kilometer weit weg, um es ihrem
Exmann möglichst schwer zu machen, die Kinder zu besuchen. Es stimmt
eben auch, dass Mütter versuchen, den Vater schlecht zu machen, und selbst
wenn sie es nicht sagen, strahlen sie aus, dass sie die Besuche nicht wünschen.
Irgendwann beugt sich das Kind diesem ausgesprochenen, manchmal auch nicht ausgesprochenen
Wunsch. Es stimmt auch, dass Richter und Richterinnen immer noch -trotz der
Möglichkeit des gemeinsamen Sorgerechts - glauben, das Kind sei generell
besser und alleine bei der Mutter aufgehoben. Dass Mütter in nicht ehelichen
Partnerschaften von den Jugendämtern eher dahingehend beraten werden, kein
gemeinsames Sorgerecht mit dem nicht ehelichen Vater zu vereinbaren. Sicher
gibt es viel zu viele säumige Unterhaltszahler, die Zahl der allein erziehenden
Mütter, die von der Sozialhilfe leben müssen, ist nicht zuletzt eine
Folge davon. Leider betrachtet die Rechtsprechung dies immer noch eher als Kavaliersdelikt,
aber es gibt wahrscheinlich ebenso viele Besuchsverhinderinnen, Mütter, die
ihren Kindern Kontaktsperre zum eigenen Vater auferlegen wollen, ohne dass dies
irgendwelche juristischen Konsequenzen hätte. Das Recht geht zwar vom
Wohl des Kindes aus, aber oft genug wird im Streit der Eltern die größte
Gefährdung des Kindes gesehen. Dort, wo die Eltern die charakterliche
Größe aufbringen, die Auseinandersetzung der Erwachsenen zwar nicht
unter den Teppich zu kehren, aber gleichwohl dem Kind zu vermitteln, dass die
Trennung der Eltern nichts an der Liebe der beiden Eltern zu ihrem Kind ändert,
wird das Kind diese Trennung nahezu problemlos überstehen. Da wird das
gemeinsame Sorgerecht dann zum Normalfall - was es auch juristisch werden sollte.
Da treffen die früheren Partner im Vorhinein Regelungen für mögliche
Konfliktfälle: Wer entscheidet was, wenn man sich nicht einigen kann. Da
wird das Einkommen der Erwachsenen ohne Tricks und gerecht geteilt. Da kann unter
den Erwachsenen aus Liebe Freundschaft entstehen, und Kinder können lernen,
dass Konflikte anständig lösbar sind. Dafür gibt es auch in
Deutschland Hilfe, Beratungsstellen und Mediation, leider noch zu selten. Im europäischen
Ausland ist man ein Stück weiter. In Dänemark etwa kann ein Ehepaar,
wenn es sich einig ist, gegen eine Gebühr von 100 Kronen (13 Euro) beim Ombudsmann
geschieden werden. Das Sorgerecht ist grundsätzlich ein gemeinsames.
In Frankreich (wo auch gemeinsames Sorgerecht gilt) stehen für sich trennende
Paare sehr viel mehr Beratungsstellen bereit. Auch das hiesige Kinder- und Jugendhilferecht
schreibt Beratungsstellen für Scheidungsfamilien vor, dennoch sind sie nicht
ausreichend vorhanden. Die Folge ist im Normalfall der Gang zum Rechtsanwalt.
Dieser versucht aber nicht den Streit zu begrenzen, sondern muss von Berufs wegen
parteilich agieren und gießt damit noch Öl in das Feuer des hochemotionalen
Streits. Mediation und Beratung könnten dieses Feuer begrenzen, helfen,
die bisherigen Partner durch die schwierigste Konfliktphase einer Trennung zu
lotsen. Leider sind wir davon noch weit entfernt, und das Verschulden für
die Situation trifft eine teilweise uneinsichtige Rechtsprechung und Bürokratie
genauso wie uneinsichtige Väter und Mütter. Auch hier gilt: In Wirklichkeit
geht es oft nicht um das Wohl des Kindes, sondern um das vermeintliche Wohl der
Eltern, also der Erwachsenen. |